Berlin, im Februar

Als das letzte furchtbare Frühjahrsgewitter 1945 sich über der Stadt Berlin entladen hatte und man nachher, was übriggeblieben war, Revue passieren ließ, zeigte sich, daß von den mehr als 40 Theatern, über die das Friedens-Berlin verfügte, rund acht erhalten waren. Ein halbes Jahr später begann die neue Spielzeit, und bereits um Weihnachten gab es wieder rund 20 Bühnen. Sie sahen zum Teil etwas anders aus als die alten und standen an etwas ungewohnten Stillen, weder im Zentrum noch im einstigen Westen: sie erhoben sich hier, da, dort auf dem Kraterrand um das zerstörte Zentrum der Stadt, im Ring der Vororte, die geschäftig, beweglich, lebendig den Kreis des toten Schweigens umgeben, der einst Berlin hieß. In Schönbeck in Friedenau, am Schönhauser Tor, in Steglitz, in Zehlendorf am Bahnhof Heerstraße wird Theater gespielt: nicht etwa durch Provinztruppen Eingesessener, sondern durch die überall bekannten Männer und Frauen der ehemaligen großen Berliner Bühnen. Am Schönhauser Tor begegnet man Olga Tschechowa am Teetisch, in Steglitz sieht man Carsta Löck und in Zehlendorf Joana Maria Gorvin: auch die Prominenz von einst ist auf den Kraterrand geklettert und hat sich in die neuentstandene Peripheriegeistigkeit eingeordnet, die in Dahlem wie in Treptow, in Reinickendorf wie in Lichtenrade von Volkshochschulen bis zu Privatkonzerten, von Vorträgen in kleinsten Kreisen bis zu neuen Kirchenchören und Theatern aus früher abhängigen Vororten so etwas wie eigenständige Organismen mit ersten schüchternen Wurzelversuchen im eigenen Boden hat entstehen lassen.

Es war sehr reizvoll, das Werden dieser neuen Kulturzentren mitanzusehen, reizvoll und zugleich sehr aufschlußreich für die fortwirkende Kraft der inneren Struktur – auch eines zerstörten großen Organismus. Die Realität der einstigen Zentrale Berlin ist vorläufig dahin; sie besteht nur noch aus dem skelettierten Gerippe der Straßen und Verkehrswege und einzelnen, da und dort stehengebliebenen, in ihrer Isoliertheit doppelt gespenstischen Resten. Aber die Kraft, die Idee des einlegen Berlin lebt fort, wirkt fort und erweist sich als stärker, denn der Ring der neuen Kraterkultur Von Westend bis nach Britz und Rudow. Gewiß, das alte Berlin ist ein Trümmerhaufen: aber in diesen Trümmern stehen die alten Burgen der strahlenden geistigen Welt von einst, stehen Deutsches Theater- und Barnowskys Hebbeltheater in der Stresemannstraße, steht die Tribüne und das Renaissancetheater und das kleine Haus in Steglitz, in dem Albert Basserman’n einst gespielt hat, steht das Theater des Westens, das unter Michael Bohnen Städtische Oper geworden ist, das Theater am Schiffbauerdamm, in dem nach dem Vorspiel in "Schall und Rauch" Max Reinhards große Laufbahn begann. Um diese Reste ist der Glanz großer Erlebnisse und Erinnerungen, und dieser Glanz ist stärker als Trümmereinsamkeit und abendliches Grauen, ist stärker als selbst die Bequemlichkeit nahegelegener neuer Stätten der Kunst. Es ist nicht immer ganz leicht, von der Peripherie nach der Schumannstraße oder in die Stresemannstraße zu gelangen: die Berliner – denn das sind sie geblieben, sie sind durchaus nicht Mariendorfer und Neuköllner, Tempelhofer und Lichterfelder geworden – nehmen die Schwierigkeiten auf sich und fahren genau so wie in alten Zeiten lieber in die Stadt, als daß sie draußen ins Theater gehen. Das tun sie gelegentlich auch; aber das richtige, das wirkliche Theater, das was Theater ist, und nicht bloß das Theater des Theaters spielt, so tut als sei es auch Schauspiel – das ist Deutsches Theater und Hebbeltheater, Renaissancetheater und Schiffbauerdamm, das sind die stehengebliebenen Häuser des inneren Berlin. Zu ihnen strömen die Leute aus Dahlem und vom Schönhauser Tor, aus Pankow und von Karlshorst; in ihnen lebt das alte große Theater Berlins für sie fort, an dem ihre Sehnsucht und ihre Erinnerungen hängen. Es ergibt sich das seltsame Schauspiel, das nebeneinander volle Theater bestehen, in denen wie einst des öfterer, das Glückswort "Ausverkauft!" über der Kasse prangt – und andere, in denen man erlebt, wie viel Mut und Glaube und Ausdauer zum Aufbau dieser neuen werdenden Kraterrandkultur gehört. Mut und Glaube, Arbeit – und Glück, wie seit je beim Theater.

Es sind oft merkwürdige Erlebnisse, die man aus diesen neuen Theatern Berlins heimbringt. Man muß ihren Alltag aufsuchen, die Aufführungen nach der Premiere, um die Realität dieser jungen Unternehmen zu erfassen. Da ist zum Exempel das Stadttheater Schöneberg-Friedenau, im Festsaal des neuen Rathauses von Schöneberg am Rudolf-Wilde-Platz. Es brachte zu seiner Eröffnung Thornton Wilders "Kleine Stadt", die im Sommer des vorigen Jahres bereits das Deutsche Th:ater einmal kurze Zeit gespielt hatte. Die Aufführung war ausgezeichnet: das Publikum blieb aus. Am fünften oder sechsten Tag saßen in dem großen Saal, der Raum für vier- bis fünfhundert Menschen hat? vielleicht dreißig, und von denen gingen in der Pause auch noch einige fort. Es war warm, wenn es auch im Gang, vor den Eingangstüren leise durch die geborstene Decke regnete. Die schöne Dichtung des Amerikaners fand nicht den Weg zu den Herzen der Schöneberger, und die andern Berliner kamen noch nicht, trotz glänzender Referate über die Erstaufführung.

Lag es vielleicht an der Gegend? Man sucht ein anderes der neuen Häuser auf, das Olympiatheater am Bahnhof Heerstraße, in der Preußenallee. Es erhebt sich, wenn man das Wort überhaupt gebrauchen darf, kiefernüberragt abseits neben der Straße, ist eine ehemalige Baracke auf etwas tiefer liegendem Gelände. Man hat den Bau leuchtend gelb gestrichen, an seine der Straße zugekehrte Längsseite ein paar braunrote Säulen gemalt: drinnen ist ein überraschend intimer kleiner- Raum für etwa zweihundert Menschen entstanden, mit sieben langen Reihen bequemer hölzerner Gartenstühle. Die Bühne nimmt eine der Längsseiten des Raumes ein; man spielt den "Wettlauf mit dem Schatten" von Wilhelm von Scholz, in einer hübschen, sauberen Aufführung, die sich überall sehen lassen kann. Von den zweihundert Plätzen aber sind etwa zwanzig besetzt, in der dritten oder vierten Aufführung, – so daß man zunächst mehr Grunewaldnähe als Literatur empfindet, bis man sich wieder von der Dichtung und der behaglichen Stimmung der Inszenierung – die Bühne zeigt ein reizend eingerichtetes, beinahe elegantes Arbeitszimmer des Schriftstellers Dr. Martins – ohne Widerstand einspinnen läßt.

Man könnte vielleicht So sagen: aller Anfang ist schwer, junge Menschen müssen erst durch Leistung die andern zwingen, zu ihnen zu kommen und die Kasse zu stürmen; gerade im Theater bedarf es des Namens und des Ruhms, um sich durchzusetzen. Man macht die Probe aufs Exempel und fährt nach Zehlendorf, wo Jürgen Fehling, einer der führenden Männer des Berliner Theaterlebens, im ehemaligen Künstlerhaus an der großen Strafe nach Potsdam, seine Bühne aufgeschlagen hat. Er hat mit sehr starkem Erfolg zur Weihe des Hauses den Urfaust gespielt: nun hat er Raynals, schönes "Grabmal des Unbekannten Soldaten" wieder hervorgeholt, und bringt es in einer ausgezeichneten, sehr intensiven Aufführung mit Ernst Wilhelm Bordiert, Joana Maria Gorvin und Günther Hadank heraus. Die Inszenierung ist sehenswert, wie alles, was Fehling bringt: im Saal, der vier- bis fünfhundert Plätze faßt, sitzen etwa dreißig Mensdien. In der zweiten oder dritten Aufführung. Hier ist ein berühmter Spielleiter, ein Stück eines Dichters, bekannte Berliner Schauspieler: das Ergebnis ist dasselbe. Das Publikum fehlt: die Wege zu den neuen Festen des Lebens und der Kunst, von denen Peter Behrens einst träumte, sind ihm noch fremd, müssen offen bar erst langsam Gewohnheit und Verpflichtung werden.

Dies scheint zurzeit das Verhältnis zwischen. Zentrum und Kraterrandkultur Berlins auf dem Gebiet des Theaters zu sein. Auch in diesem Vorgang spiegelt sich wieder eine alt eingewurzelte Eigenart der Bewohner dieser seltsamen Siedlung: für den Berliner gehört zum richtigen Theatervergnügen die Fahrt in die Stadt, ins Innere. Sehrings altes Theater des Westens fiel um 1900 aus einem Zusammenbruch in den andern, weil das Publikum nicht kam: das Haus lag zu weit draußen – an der Kantstraße, am Zoo. Theater war nur drinnen, am Gendarmenmarkt, Unter den Linden, in der Schumannstraße. Ganz langsam, eigentlich erst nach 1918, gewöhnten sich die Berliner daran, daß der Kurfürstendamm in der Stadt lag, und daß man abends dorthin gehen oder fahren konnte, um sich zu amüsieren. Die Befreiung von dieser alteingewurzelten Gewohnheit brachte eigentlich erst das Auto; noch Wolzogen ging an diesem Raumschicksal und am Verkehr zugrunde, als er sein Überbrettl, das am Alexanderplatz, wohin man mit – der Stadtbahn fuhr, glänzend florierte, nach der Köpenicker Straße verlegte. In die ging man nicht, und so ging sein Theater auch nicht, obwohl es ein reizender Bau August Endells war – und er versank.