Von WALTHER VON HOLLANDER

Neben dem Reiche der Erkenntnis, das wir beherrschen, und dem weiteren Reiche, das wir durch den Willen beherrschen können, gibt es sowohl im Menschen als auch im Kosmos Zwischenreiche, über die kein Wille ohne weiteres gebietet, und in die keine Intelligenz, sei sie noch so scharf, eindringt. Da liegt das Reich der Gefühle, in dem der Wille wenig zu sagen hat, und die Erkenntnis höchstens eine beratende Stimme führt, ein Reich, über welches höchstens die Zeit regiert, die alles zermahlende, alles mit dem Staub des Vergessens zuschüttende, ausfüllende, verwischende Zeit. Aber noch eine Stufe tiefer hinab liegt in ewiger Dämmerung, von keinem Strahl der Erkenntnis erfaßt, von keinem Willen noch je durchmessen, ein anderes Reich, das den meisten Menschen unbekannt ist, vor dem sie sich fürchten, das sie ableugnen, und das doch immer wieder mit Schattenarmen, mit unhörbaren Stimmen, mit plötzlichen Überfällen, in das Leben jedes Menschen hineinwirkt, und die einen zu Glanz und Wirkung führt, die andern in einem unbegreiflichen Sturz in die Abgründe der Vernichtung hineinstößt. Es ist das Reich des Dämonischen, das mit vielen Namen genannt wird, von vielen Seiten berannt ist, das die Philosophen ebenso aufzulösen trachteten, wie die Psychoanalytiker, das die meisten Religionen als ein Reich des Bösen betrachten und ablehnen.

Die Macht des Dämonischen ist jedem sehenden Menschen offenbar, und Seelenblinden, die es leugnen, werden oft am meisten von Dämonen geschüttelt. Diese Leugnung des Dämonischen kommt nicht nur aus der kreatürlichen Angst vor allem Unbekannten, sondern vor allem, auch aus dem Streben nach Sicherheit, das jedem Menschen genau so eingeboren ist wie der Wille zum Leben selbst. Jede Religion, jede Philosophie, jeder wissenschaftliche Versuch, jede technische Bemühung, jedes Machtstreben, ja, selbst jeder Krieg geht auf diese Sicherheit aus. Die "aufgeklärten" Jahrhunderte haben ein ganzes System der Sicherheiten erkämpft, erdacht und erklügelt, und meinten, damit das Recht des Unerkennbaren, des Dämonischen, immer mehr eingeengt und das Wirken des Dämonischen immer mehr geschwächt zu haben. Langsam ahnen wir alle, daß die großen Dämmerungsbezirke, in denen die Dämonen herrschen, immer unbegrenzt waren, immer unbegrenzbar bleiben werden, nicht zu besiegen sind, nicht zu erobern, sondern lediglich im Menschen selbst, in dem mächtigsten Geschöpf der Schöpfung also, ein wenig zu bändigen, zu lenken, und unter Umständen in schöpferische Kraft zu verwandeln.

Rationalismus, Wissenschaft, Philosophie und selbst Religionen sind ohnmächtig, solange sie das Bestreben haben, das Dämonische auszuschalten – einerlei ob durch Erkenntnis oder durch den Willen. Aber sie sind am Platze, um die Außenbezirke des Dämonischen zu erhellen. Vor allem braucht man sie, um die Alltagsdämonen zu entlarven, alle jene kleinen Gefühle, Ungezogenheiten, Seltsamkeiten, Bizarrerien und Zauberspäße, deren sich gern die Halbgötter unter den Menschen, vor allem unter den Künstlern, bedient haben oder bestimmte Arten triebhafter Frauen, und mit denen sich sogar bedeutende Staatsmänner und Wissenschaftler drapiert haben, um sich in den Augen einer urteilslosen Menge ein besonderes Ansehen und Aussehen zu geben.

Das Dämonische bezeichnet nur allzuoft etwas Romantisch-Verschwommenes, etwas Unbeherrschtes, Abruptes, Seltsames und Skurriles. Oft allerdings auch erwas an gewissen Menschen, was so stark ist, daß es Macht über andere Menschen gewinnt und sie zu seinen Zwecken gebrauchen oder mißbrauchen kann. Der Kriminalroman der letzten fünfzig Jahre, arbeitet gern mit diesem Bild des Pseudo-Dämonischen, das aber nichts anderes ist als ein starker Wille und eine große Suggestionskraft, die von bestimmten Willensmenschen ausgeht, und der sich willensschwache Menschen nur gar zu gern unterwerfen. Derlei Figuren gehören also noch in den Bereich des Willens, und die Suggestionen sind leicht erklärbare Phänomene der Willensübertragung, die nichts mit dem Dämonischen zu tun haben.

Was aber ist das Dämonische nun wirklich? Bei Plato ist es noch die göttliche Stimme, die beratende und warnende Stimme, die von außen, her den Menschen beeinflußt. Es ist bei den Vorplatonikern alles, was einem bestimmten Gott nicht zugeschrieben werden kann, jede auffallende Handlung und Gemütsäußerung, für die kein Gott zuständig ist, die außerhalb des Göttlichen liegt, und daher den Halbgöttern, den Dämonen, zuzuschreiben ist. Das ganze Altertum über gibt es gute und schlechte Dämonen, während in der christlichen Kirche die Dämonen als böse Wesen betrachtet wurden, als Widergötter gegen den einzigen, allmächtigen und guten Gott, als die Träger der Krankheiten, der Leidenschaften und schließlich des Bösen schlechthin. Alle Macht der Dämonen und des Dämonischen wurde so schließlich Teufelswerk, und eine ganz große Kraftquelle des Menschen unter das Zeichen der Negation gestellt.

Goethe, der sein Leben lang sich mit dem Dämonischen beschäftigt und mit ihm gerungen hat, ist wahrscheinlich der erste, der das Dämonische als etwas Positives erkennt und kennzeichnet. Auf eine Frage Eckermanns, ob der Mephisto dämonischer Natur sei, lacht Goethe und sagt: "Nein, der Mephistopheles ist ein viel zu negatives Wesen. Das Dämonische aber äußert sich in einer durchaus positiven Tat." Für Goethe ist das Dämonische "jene geheime problematische Gewalt, die alle empfinden, die kein Philosoph erklärt, und über die sich der Religiöse mit einem tröstenden Wort hinaushilft".