Von GERD BUCERIUS

In einem persönlichen Schreiben hat sich der amerikanische Staatssekretär Byrnes an den französischen Außenminister Bidault gewandt, damit dieser seinen Einfluß dahin geltend mache, daß Frankreich seinen Einspruch gegen die Bildung einer Zentralverwaltung in Deutschland fallen lasse. Das ist ein großer, menschlicher Versuch, die sich seit Monaten ohne Ergebnis hinziehenden Verhandlungen wieder zu beleben.

Die Potsdamer Beschlüsse von August 1945 sahen die Bildung zentraler Stellen vor, in denen unter Leitung eines deutschen Staatssekretärs bestimmte Sachgebiete einheitlich verwaltet werden sollten, insbesondere die Steuerverwaltung, das Verkehrswesen und der Außenhandel. An den Potsdamer Beratungen hatte jedoch Frankreich keinen Anteil. Erst später ist es als vierte Besatzungsmacht hinzugetreten und fühlt sich daher an die damals gefaßten Beschlüsse nicht gebunden.

Auch in Potsdam wurde von einer deutschen Regierung, die die Nachfolge des Reiches antreten sollte, nicht gesprochen. – Geplant war nur die Zusammenfassung bestimmter Verwaltungsgebiete unter alliierter Kontrolle in einer Hand, die jedoch keine Regierungsbefugnisse haben, sollte. Die Zentralverwaltungen wären also ausführende Organe, während der Kontrollrat der Träger der Staatsgewalt bleiben würde. Diese Lösung beruhte auf dem Grundgedanken, daß bestimmte Fragen in Deutschland technisch nur von einer Zentralstelle aus gelöst werden können.

Die Notwendigkeit der einheitlichen Verwaltung Deutschlands ergibt sich bereits aus dem natürlichen. Aufbau seiner Wirtschaft. Ein verhältnismäßig kleines Gebiet, das Ruhrbecken, enthält den überwiegenden Teil der deutschen Kohlenvorkommen, nach Wegfall Oberschlesiens sogar die einzige deutsche Steinkohle von Bedeutung. Dem Westen, mit seiner Kohle und Eisen produzierenden Industrie, steht ein agrarischer Osten und ein kleinindustrieller, auf Rohprodukte des Westens angewiesener Süden gegenüber. Der Westen mit seinen von der Industrie lebenden Massen ist ohne die Landwirtschaft des Ostens nicht lebensfähig. Diese Standortverteilung hat ein natürliches Gefälle geschaffen, das ohne schwerste wirtschaftliche Rückschläge nachträglich nicht mehr weggedacht werden kann.

Heute laufen aber über die deutsche Landkarte merkwürdige, willkürlich anmutende Linien, die Grenzen der vier Besatzungszonen. Sie haben vier Gebilde geschaffen, die voneinander nahezu vollständig abgeschlossen sind. Der Verkehr über diese Schranken hinweg ist wesentlich schwieriger als über Staatsgrenzen in normalen Zeiten. Monatelang bestand kein Briefverkehr. Der Reiseverkehr ist an strenge Einschränkungen geknüpft, der Frachtverkehr weitgehend beschränkt. Kann man da noch von einer deutschen Einheit sprechen?

Haben die vergangenen zehn Monate bewiesen, daß die vier Zonen ein eigenes Leben jede für sich führen können? Niemand wird diese Folgerung zulassen. Deutschland gleicht heute einem Körper, dessen Gliedmaßen durch starke Einschnürungen abgebunden sind. Die Zonen sind ohne eigene Kraft, ja manchmal möchte es scheinen, selbst ohne den Willen zum Leben.