Wenn man sich eine Vorstellung machen will von den Lebensbedingungen, unter denen die Menschen heute in Deutschland leben, wenn man sich ein Bild machen will von der Ernährungslage der Bevölkerung, so muß man sich kalorienmäßig und grammäßig’ ausrechnen, was der einzelne an Zuteilungen auf seine Karten erhält, was er daneben zu normalen Preisen kaufen kann. Den sogenannten "Schwarzen Markt" werden wir nur am Rande betrachten.

Unsere hauptsächlichen Nahrungsmittel werden in drei Gruppen eingeteilt: in Kohlehydrate, Eiweißkörper und Fette. Zu den Kohlehydraten gehören Brot. Mehl, die meisten sogenannten Nährmittel, Zucker, Obst, Kartoffeln und Gemüse. Eiweiß finden wir in-Fleisch, Fischen, Milch, Eiern und Käse. Fett ist vorhanden in Gestalt von Butter, Schmalz und Margarine sowie in gewissen Prozentsätzen in anderen Nahrungsmitteln. Wasser, Mineralsalze und Vitamine werden ebenfalls gebraucht, haben aber keinen Nährwert. Die Kraft, die in den Nahrungsmitteln enthalten ist, Wird im Körper durch Verbrennung ausgenutzt zur Hervorbringung von Arbeit und Wärme. Dadurch ist es möglich, die bei der Verbrennung eines Nahrungsmittels entstehende Wärmemenge als Maß für seinen Nutzwert einzusetzen. Als Maßeinheit für den Heizwert eines Stoffes hat man diejenige Wärmemenge gewählt, durch die 1 Liter Wasser um 1 Grad Celsius erwärmt wird; diese Einheit hat man Kilogrammkalorie genannt.

Die folgende Tabelle enthält die Kalorienzahlen für den Brennwert und die Zusammensetzung unserer wichtigsten Lebensmittel.

Aus diesen Zahlen kann man sich nun in großen Zügen ausrechnen, welche Kalorienmenge die Lebensmittelkarte zum Verbrauch zur Verfügung stellt. Wir wollen das einmal mit der deutschen Lebensmittelkarte, wie sie in Hamburg ausgegeben wird, tun.

Je Tag stehen auf Karten also 1304 Kcal, zur Verfügung. Zu diesen 1304 Kalorien kommt noch folgendes hinzu: Wer das Glück hatte, je Person einen Zentner Kartoffeln einkellern zu können, und wer weiterhin die Möglichkeit hat, hier und da einige Kartoffeln zu ergattern, der kann im Durchschnitt etwa 250 bis höchstens 503 Gramm Kartoffeln am Tag hinzufügen. Ebenso sind. in gewissem Umfange Steckrüben erhältlich, deren Kalorienwert mit etwa 30–50 je 100 g anzusetzen wäre, so daß man im günstigsten Falle 260 Kalorien am Tag diesen 1300 hinzufügen kann. Das Essen in den Lokalen ist überall streng an die entsprechende Markenabgabe gebunden, und persönliche Erfahrungen sowohl wie die Erfahrungen von anderen lehren, daß der Lokalesser sich kalorienmäßig eher schlechter als besser steht.

Vom "Schwarzen Markt" werden derartige Preise genannt, daß er nicht als mögliche Ausweitung unserer Ernährungsverbesserung berücksichtigt werden darf. Wer könnte für Butter 300, jedes andere Fett mindestens 200, Zucker 80 bis 85 RM und Nährmittel etwa 50 RM das halbe Kilo bezahlen? Ganz abgesehen vom Unrecht, das mit dem Kauf auf dem Schwarzen Markt begangen wird.

Die Schwer- und Langarbeiter erhalten über diese Durchschnittskarte hinaus Zulagen, die aber keine wesentlichen Verbesserungen ihres Kaloriengleichgewichts darstellen, weil sie ja das, was sie mehr bekommen, reichlich durch Lang-, Schwer- und Schwerstarbeit wieder verbrauchen. Natürlich ist je nach Alter, Größe, Gewicht und Geschlecht, persönlicher Gewöhnung und jeweiligen Gesundheitszustand der Nahrungsbedarf der einzelnen Personen sehr verschieden. Der Normalbedarf beträgt jedoch im Durchschnitt beim nichtarbeitenden Erwachsenen je Tag 2000-2500 Kalorien, bei leichter Arbeit 3000 und bei schwerer Arbeit 3500 bis zu 6000 Kalorien bei schwerster Arbeit. Es ist zwar richtig, daß der gesunde Durchschnittsmensch etwa mit der Hälfte dieses Normalbedarfs eben noch zeitweilig auskommen kann, ohne zu sterben oder von Hungerkrankheiten befallen zu werden. Aber dieses eben noch zeitweilige Auskommen darf sich nicht über längere Zeit hinaus erstrecken, und wenn auch die Kohlehydrate bezüglich ihrer Menge einigermaßen ausreichend vorhanden sind, so bestehen doch für Fett und Eiweiß sehr bedenkliche Lücken. Eiweiß ist durch nichts anderes zu ersetzen, und manche Fälle von Hungerödemen sind auf fehlendes Eiweiß zurückzuführen. Bestimmte Vitamine sind in Fett löslich, und nur dann ist der Mensch vor Mangel an diesen Vitaminen geschützt, wenn er die dazu notwendige Fettmenge auch erhält. Wenn nun noch hinzukommt, daß ein Großteil der Nahrung zur Erzeugung von Körperwärme verwendet werden muß, weil die Betreffenden dauernder Kälte ausgesetzt sind, so kann sich jeder mit dem Bleistift in der Hand ausrechnen, wann die Leistungsfähigkeit und der Gesundheitszustand der Bevölkerung unter die Grenze dessen herabgedrückt sein wird, was noch ertragen werden kann. Nennenswerte Aufbau- oder Reparationsleistungen können von der entkräfteten, unterernährten und frierenden Stadtbevölkerung nicht verlangt und nicht erwartet werden. Etwaige Ausbrüche von Seuchen würden eine widerstandsunfähige und allen Krankheiten wehrlos preisgegebene Bevölkerung treffen. Auf dem Lande liegen die Verhältnisse zweifellos anders und ernährungsgemäß besser. Aber die eigentlichen Seuchenherde, die Unruhestätten und die Stätten geistiger und künstlerischer Leistung sind nun einmal die Städte, und in denen sieht es bisher und leider vorläufig noch, wie sich jeder überzeugen kann, traurig aus.

Wenn man von einem Pferde eine Arbeitsleistung verlangt, muß man ihm so viel Nahrung zuführen, daß Nahrung und Leistung im Kaloriengleichgewicht sind. Was für jedes Pferd gilt, sollte auch dem Menschen, von dem man etwas verlangt und erwartet, gewährt werden.