Die Frage der tschechoslowakisch-ungarischen Grenze, die zwanzig Jahre hindurch zu den heftigsten Spannungen geführt hat, steht vor der friedlichen Lösung. Eine Prager Delegation reist nach Ungarn und hat sich von der Lage im Preßburger Gebiet durch eigenen Augenschein überzeugt. Sie betreibt jetzt in Budapest die große Umsiedlung der Minderheiten.

Die erst kürzlich aus der Taufe gehobene ungarische Demokratie beweist mit der Bereitwilligkeit zu diesem Schritt die Aufrichtigkeit ihres Programms der aufbauenden Verständigung. Der erste Staatspräsident der Republik Ungarn, Dr. Zoltan Tildy, hat es ausdrücklich als seine Hauptaufgabe bezeichnet, "die außenpolitische Lage des Landes durch das Zerstreuen alles Mißtrauens im Ausland zu bessern". Für diese angestrebte Atmosphäre des Vertrauens wird die Lösung der ungarischen Beziehungen zu Prag entscheidend sein.

Die Minderheitenfrage hat zwischen beiden Staaten vom Augenblick ihrer Selbständigkeit an sowohl in Prag als auch in Budapest zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen geführt. Die Tschechoslowakei gehörte im Gefolge der Sieger von 1918 zu den "Kriegsgewinnlern", während Ungarn im Vertrag von Trianon zwei Drittel seines Raumes und die Hälfte seiner Bevölkerung verlor. Konnte die Tschechoslowakei mit Hilfe der großen Alliierten darangehen, ihren Staat Stein um Stein aufzubauen, so verzehrte sich das verstümmelte Ungarn in fruchtloser Auflehnung gegen das Schicksal.

Solange die beiden Staaten zur habsburgischen Donaumonarchie gehörten, kamen Gegensätze leiten zur Geltung. Eingebettet in die Isolierschicht altüberkommener Gewohnheiten und einer durch das gemeinsame Herrscherhaus gegebenen gemeinsamen Tradition, gab es für ein Aufbrennen von Streitfragen wenig Zündstoff. Im Augenblick des Zerfalls der Monarchie jedoch erzeugte der Zusammenprall der tschechischen Ansprüche und des ingarischen Rechtsgefühls eine Hochspannung, die im erfolgreichen Kampf der Ungarn gegen die in ihr Land einmarschierenden tschechischen Legionäre erste Blitze schlug. Erst der Machtspruch der großen Alliierten zugunsten der Tschechoslowakei beendete diese Entladungen, ohne die drohenden Gewitterwolken vertreiben zu können. Sie blieben, von kurzfristigen Aufhellungen abgesehen, bis in unsere Tage über den Völkern hängen.

Von den drei Millionen Madjaren, die Ungarn durch Trianon verlor, lebten rund 750 000 in der alten Tschechoslowakei. Ihr Siedlungsgebiet ertreckt sich von dem westlichen Eckpfeiler Preßburg in einem Streifen längs der Donau, dessen größte Tiefe nach Norden fünfzig Kilometer beträgt. Ostwärts des Donauknies verengt sich dieser Streifen auf dreißig Kilometer Tiefe und verläuft In leicht steigender Kurve über Kaschau bis in die Nähe der rumänischen Grenze. Der madjarische Siedlungsraum deckt sich also im wesentlichen mit dem Südgürtel der Slowakei. Aber nicht nur die Tschechoslowakei von 1918 war ein Vielvölkerstaat. Auch Trianon-Ungarn selbst beherbergte nationale Minderheiten, unter denen die 150 000 Slowaken eine führende Stellung einnahmen.

Seitdem kreisen die tschechoslowakisch-ungarischen Beziehungen um die Minderheitenfrage. Alle politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ereignisse stehen mit ihr in teils mittelbarem, teils unmittelbarem Zusammenhang. Der Vertrag, den die Tschechoslowakei 1919 mit den USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan abschloß, sicherte den nationalen Minoritäten vollkommenen und unbedingten Schutz ihres Lebens und ihrer Freiheit zu. Das bedeutete: Unterrichtung der Kinder in der Muttersprache und Gewährung der Staatsbürgerschaft. Der Völkerbundrat in Genf übernahm es, über die Rechte der Minderheiten zu wachen, aber er war nicht geeignet für diese Aufgabe. Der Rat hatte politische und nicht juristische Interessen. Keiner der Ratsmächte lag daran, durch Parteinahme in einer Minderheitenfrage Gegensätze mit dem beschuldigten Staat herbeizuführen. Zahlreiche gegen die ungarische Minderheit gerichtete Maßnahmen der Tschechen blieben daher unwidersprochen. Präsident Masaryk antwortete auf die ungarischen Beschuldigungen verbindlich: "Die menschlichen Werke sind nicht vollkommen, über eine Korrektur der Fehler kann verhandelt werden." Geschehen ist wenig.

Zwanzig Jahre. hindurch herrschte an der tschechoslowakisch-ungarischen Grenze Krieg im Frieden. 1925 entzog Prag vielen Ungarn das Staatsbürgerrecht, obwohl sie rechtzeitig optiert hatten. 1927 schien es, als solle ein Handelsvertrag das politische Stauwasser wieder in Fluß bringen. Optimisten verkündeten den "Sieg der Vernunft über nationalwirtschaftlichen Chauvinismus". Aber schon zwei Jahre später brach über einen Spionagefall der Eisenbahnkonflikt aus. 1931 entbrannte ein rücksichtsloser Zollkrieg, der das Werk von 1927 über den Haufen warf. 1934 schien Prag endlich unter dem Eindruck eines mutigen Zusammengehens aller Minderheiten im Parlament verständigungsbereit, aber schon 1935 loderte der Konflikt über eine ungarische Briefmarke mit der Aufschrift "Gerechtigkeit für Ungarn" von neuem auf. 1936 löste das Sprach- und Unterrichtsproblem politische Wetterstürze aus und 1938 kamen mit dem Ruf der Revisionisten "Nein, nein, niemals!" schärfste Anklagen aus Budapest, Die Herbstkrise 1938, verstärkt durch Autonomiebestrebungen unzufriedener Slowaken; sah die Tschechoslowakei in die Verteidigung gedrängt. Der Wiener "Schiedsspruch" vom November 1938 brachte mit der Rückgabe Oberungarns die vorübergehende Lösung. Preßburg verblieb der Tschechoslowakei, Kaschau, Ungvar und Munkacz fielen an Ungarn. Die Zerschlagung des tschechoslowakischen Staates und der nachfolgende zweite Weltkrieg machten das Ergebnis hinfällig.