Von ERICH WELTER

Jeder schematische Vergleich der Bevölkerungsdichte in den verschiedenen Ländern leidet darunter, daß dabei Mensch gleich Mensch und Quadratkilometer gleich Quadratkilometer gesetzt wird. Man wirft dabei Steinböden mit Humusflächen. blühende Landstriche mit Wüsten, Industriezentren mit Sümpfen, das Ruhrgebiet mit einem gleichgroßen Stück Steppe und auf der andern Seite Analphabeten mit Geistesgrößen, emsige Arbeiter mit Faulpelzen in einen statistischen Topf. Dann wird dividiert und was herauskommt als Wissenschaft ausgegeben.

Vor dem Kriege beherbergte Deutschland rund 140 Einwohner auf den Quadratkilometer. Diese Zahl galt als Beweis, daß Deutschland übervölkert sei. Heute, nach dem totalen Zusammenbruch der statistisch motivierten "Geopolitik", scheint uns dieselbe Zahl einen geradezu paradiesischen Zustand auszudrücken. Trotz der ungeheuren Opfer, die der hinter uns liegende Krieg unter den deutschen Soldaten und Zivilisten gefordert hat, drängen sich jetzt viel mehr Menschen auf dem verbliebenen Boden zusammen. Auf 65,5 Millionen wird nach den Unterlagen des Kontrollrates die Zahl der Deutschen beziffert, die heute in den vier Besatzungszonen leben müssen. Das sind nach den Abtrennungen am Grund der Potsdamer Beschlüsse mehr als 200 Menschen pro Quadratkilometer. Es werden noch erheblich mehr sein, wenn erst die ursprünglich auf 6,5 Millionen bezifferten Flüchtlinge, die aus Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und Österreich ausgewiesen werden sollen, Zuflucht in Rumpfdeutschland gefunden haben werden.

Das Verhältnis 200 : 140 drückt jedoch nicht entfernt den Grad aus, in dem sich die Lebensgrundlage des deutschen Volkes verschlechtert hat. Wir alle haben einen grausigen Anschauungsunterricht darüber genossen, daß sogar im gleichen Land ein und derselbe Quadratkilometer schon, nach wenigen Jahren, wirtschaftlich gesehen, zu einem Bruchteil seiner bisheigen Bedeutung zusammenschrumpfen kann. Wären wir nicht nach allen Erfahrungen bereit, es im Vergleich zu der heute auf uns lastenden Aufgabe als ein Kinderspiel anzusehen, statt 140 Menschen mehr als 200 auf einem Quadratkilometer deutschen Bodens zu beherbergen, wenn diese Quadratkilometer wirtschaftlich tatsächlich dasselbe wären wie ehedem? Aber die Quadratkilometer von 1946 sind längst nicht mehr die von 1939. Der Bauer, der sie beackert, kann nicht mehr über soviel Vieh, Maschinen, Saatgut und Düngemittel verfügen wie damals. Unser industrieller Apparat ist durch langjährige Überbeanspruchung verschlissen; soweit er nicht durch Bomben oder Artillerie zerstört wurde. Von dem verbliebenen Rest wird ein ansehnlicher Teil für Reparationszwecke abmontiert oder durch die neuen Produktionsverbote des Kontrollrats lahmgelegt. Die restliche, aufgesplitterte Industrie muß der Vorteile einer Serien- und Massenproduktion fast ganz entraten und produziert, zentnerschwer belastet mit zähen, fixen Kosten, nur mit einem geringen Prozentsatz ihrer früheren Ergiebigkeit... Das Zusammenspiel unserer arbeitsteiligen Wirtschaft ist durch die Zertrümmerung großer Teile des Verkehrsapparates, durch Zonen- und Ländergrenzen, durch alte und neue Reglementierungen aufs äußerste erschwert. Und dabei muß Deutschland einen großen Teil des verbliebenen Produktionspotentials benutzen, um die Besatzungskosten aufzubringen und Reparationsleistungen von vorläufig unübersehbarem Ausmaß zu tragen. Vom vorläufig aber, der nun ganz und gar sein Schicksal geworden ist, ist es in jeder Hinsicht, geistig, persönlich, wirtschaftlich, technisch und politisch fast vollkommen abgeschnitten.

Im Vergleich zu den jetzigen Perspektiven sind es wirklich paradiesische wirtschaftliche Möglichkeiten gewesen, die wir uns verscherzt haben. Es leben jetzt auf weniger Quadratkilometer mehr Menschen und die verbliebenen Quadratkilometer haben den größeren Teil ihrer früheren Tragfähigkeit eingebüßt. Überdies hat sich die Zusammensetzung der auf der kleineren Fläche zusammengedrängten Menschen in wirtschaftlicher Hinsicht verschlechtert, so daß neben der quantitativen auch eine qualitative Übervölkerung vorliegt. Es genügt, einen Blick in die Flüchtlingszüge zu werfen. Was ankommt, sind in erster Linie Greise, Frauen und Kinder, wenig Männer in der Blüte ihrer Kraft. Facharbeiter, die am ehesten gebaucht werden, sind besonders knapp, vertreten.

Damit verschärft sich eine bedenkliche Entwicklung im Aufbau der deutschen Bevölkerung, die ohnedies eingetreten war. Der leistungsfähige Teil ist immer geringer geworden. Jeder, der etwas schafft, muß entweder unmittelbar aus seinem Einkommen oder mittelbar durch Steuern mehr Menschen als früher durchschleppen, die nichts mehr oder noch nichts oder nicht genug schaffen können, um sich selbst zu erhalten. Ganz abgesehen davon, daß auch die Kraft der Rüstigen durch den Alltagskampf um Wohnung, Heizung, Nahrung, Hausrat, Kleidung und Bescheinigungen (und in den großen Städten durch den täglichen Kampf um den Platz in der Straßenbahn) unverhältnismäßig stark in Anspruch genommen wird.

Man kann sich leicht ausrechnen, daß unter allen diesen Umständen der deutsche Lebensstandard klaftertief sinken muß und daß wir im wahrsten Sinne bettelarm geworden sind. Das wird ganz deutlich erst werden, wenn einmal der Geldschleier, der heute die nackten Tatsachen der Wirtschaft verhüllt, fortgezogen sein wird und wenn die Restbestände der Vorräte und Produktionsmittel, die im Trümmerfeld immerhin noch erhalten waren, noch weiter aufgezehrt sein werden. Denn der heutige Lebensstandard gründet sich in erheblichem Maße noch auf diese Reste an Wohnungen, Wäsche, Kleidung, Hüten, Möbeln, Lichtanlagen, aber auch an Wegen, Straßen, Fahrzeugen aller Art, Gas-, Elektrizitäts-, Wasserwerken und öffentlichen Gebilden, an gewerblichen Rohstoffen und alten industriellen Anlagen. All dies ist uns aus der Vergangenheit überkommen, und von diesen Resten zehren wir, ohne sie einstweilen auch nur entfernt nach den Regeln einer ordentlichen Wirtschaft zu ersetzen oder gar zu vermehren.