Frankreich hat eine Fülle von wirtschaftlichen Sorgen. Vordringlich ist auch hier das Energieproblem. Während die Erzeugung an Elektrizität zugenommen hat, ist die Kohlenförderung zunächst erst wieder auf dem Vorkriegsstand angelangt; damit werden aber nur etwa 60 Prozent des Bedarfs gedeckt. Die restlichen Mengen sind früher vorzugsweise aus England importiert worden. Es handelte sich dabei um etwa 2 Mill. t im Monat.

Während der letzten Zeit hat Frankreich praktisch keine Kohlen aus Großbritannien mehr erhalten, und nur eine halbe Million Tonnen monatlich aus den USA. Dazu kommen die Zufuhren aus den Saargruben und aus dem Ruhrgebiet. Sie sollen, wie der Leiter des französischen Außenamtes. Alphan, kürzlich mitgeteilt hat, im Monat 400 000 t betragen anstatt 1,4 bis 1,5 Mill. t, wie Frankreich es fordert. Nach einer anderen Quelle, nämlich – nach einer Londoner Meldung des DANA-Büros, ist Frankreich ein Kontingent von 400 000 t Ruhrkohle und weiteren 500 000 t Saarkohle von den übrigen Alliierten zugebilligt worden.

Nicht nur die Energieversorgung ist schwierig. Auch die Lebensmittellage in dem alten Bauernland Frankreich bereitet erhebliche Sorgen. Charakteristisch dafür ist, daß nicht weniger als eine halbe Million t Weizen aus der Sowjetunion bezogen werden sollen um den Anschluß an die neue Ernte, sicherzustellen. So lautet der Kabinettsbeschluß, der Ende Februar auf Vorschlag des stellvertretenden Ministerpräsidenten Thorez zustande gekommen ist. – Seit Dezember letzten Jahres besteht bereits ein Handelsvertrag zwischen Frankreich und Sowjetrußland; der die Einfuhr größerer Mengen von Lebensmitteln vorsieht. Aber dieser Vertrag ist bisher wegen der großen Transportschwierigkeiten nicht zur praktischen Wirkung gekommen.

Zwei Milliarden, vielleicht auch 2,5 Milliarden Dollar Kreditbedarf – das sind die Zahlen, die jetzt zu Beginn der Verhandlungen zwischen Paris und Washington inoffiziell bekannt werden. Man zweifelt daran, daß die Bedingungen für Frankreich auch nur annähernd so günstig – sein werden wie die des britischen Amerika-Kredits. Und man fürchtet auch, daß die Anleihe-Gewährung nur unter der Klausel möglich sei, daß Frankreich bestimmte Waren aus den USA zu beziehen habe – etwa bis fast zur vollen Höhe des Anleihebetrages, so daß es sich also um eine zweckgebundene Anleihe, um eine Art Wärenkredit, handeln würde.

Charakteristisch für die großen Schwierigkeiten, die einer Gesundung der französischen Wirtschaftsverhältnisse entgegenstehen, ist schließlich die immer wiederholte Klage, daß es nicht nur an Energie und an Geld, nicht nur an Rohstoffen und Lebensmitteln, sondern vor allem an produktivwilligen Kräften, an Menschen also, fehle. Auf etwa 3,5 Millionen Menschen wird das "Defizit" geschätzt, das auf diesem wichtigen Gebiet vorliegt. – Ganz anders ist die Situation Belgiens, das, gestützt auf eine sehr dichte und leistungsfähige Bevölkerung, trotz ähnlich gelagerter politischer Schwierigkeiten, wie sie in Frankreich vorliegen, bereits im letzten Jahre einer wirtschaftlichen Gesundung sehr nahe gekommen ist und in Produktion und Handel eine Art Schlüsselstellung für Westeuropa anstrebt. Während aus dem größeren Nachbarlande im Westen immer wieder Stimmen kommen, die resignierend feststellen, daß die hart bedrängten Franzosen noch einige weitere Jahre des – Verzichts auf sich nehmen müßten, um eine wirkliche Gesundung von Wirtschaft und Staatsfinanzen zu erreichen, ist all das, was man aus Belgien hört, auf einen expansiven Optimismus gestimmt. In Frankreich denkt man daran, den Export zu forcieren. Belgien hingegen will, mit Hilfe eines Kanada-Kredits, seinen Import ausweiten. derart, daß künftig Waren im Werte von 15 Millionen Dollar aus Kanada bezogen werden, gegenüber einem Import in Höhe von 9 bis 10 Millionen Dollar jährlich in der Zeit vor dem Kriege. J. P. H.