Von HANS SCHIMANK

Wenn ich recht unterrichtet bin, tauschten die Achäer zur Zeit des Trojanischen Krieges zwölf Rinder für einen bronzenen Kessel ein, während ein kunstfertiges Mädchen für den dritten Teil dieses Preises zu haben war. Inzwischen haben sich die Bewertungen nicht unerheblich verschoben, so daß man wohl nicht damit rechnen darf, in absehbarer Zeit eine Anzeige zu lesen: Junge Sopranistin oder Tänzerin unter entsprechender Zuzahlung gegen erstklassiges Allstromgerät zu tauschen gesucht. Wir müssen uns vielmehr damit abfinden, daß eine durchschnittlich begabte Filmschauspielerin, ein Boxer oder gar ein Tenor höher eingeschätzt werden und in der Gesellschaft beliebter sind als ein Mann, der Antikankrin als Mittel gegen den Krebs erfindet, uns in Aleiphatose das synthetische Fett für die menschliche Ernährung liefert oder durch geeignete Zusätze Kalzium zum gebrauchsfähigen Leichtmetall macht.

Von den drei letztgenannten Spezies des Homo civilisatus können der Mediziner wie der Chemiker allenfalls auf die Anerkennung ihrer Leistungen durch die Schwedische Akademie der Wissenschaften rechnen Für Ingenieure gibt es hingegen keine Nobelpreise, und da Nobel selbst der Technik nahe genug stand, um über sie urteilen zu können, könnte man aus diesem Umstand schließen, daß er Technik und technisches Schaffen in den Begriff der Kultur nicht einbezogen wissen wollte. Diese Auffassung wird offenbar auch in anderen Kreisen geteilt, wie unter anderem daraus hervorgeht, daß die Techniker – von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen – -weder in den Akademien der Wissenschaften noch in denen der Künste Sitz und Stimme haben, und daß es Akademien der Technik bisher bei uns nicht gibt.

Zu einer recht ähnlichen Schlußfolgerung wird man geführt, wenn man sich folgende Tatsachen vergegenwärtigt: Im Bereiche der abendländischen Kultur setzte eigentümlicherweise die Entwicklung der Technik praktisch zur selben Zeit ein, zu der der erste ernsthafte Versuch gemacht wurde, das Band zu lösen, das als ein christkatholischer Glaube die europäische Menschheit mit Gott verknüpfte. Der Aufstieg des Bergbaues und des Montanwesens zur Großindustrieund zu frühkapitalistischen Wirtschaftsformen läuft der Hinwendung zum Heidentum parallel, die sich in der italienischen Renaissance vollzog. Georg Agricola, der Verfasser des ersten Handbuches der Schwerindustrie, der "Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen", war Zeitgenosse Martin Luthers, und im Zeitalter der Reformation triumphierte die erste, recht eigentlich technische, die Pulverwaffe, über die alte ritterliche Wehr. Rund 200 Jahre später erscheint dann nach dem Abebben der gegenreformatorischen Bewegung und dem Niedergang des Pietismus den französischen Enzyklopädisten der Mensch nur noch als l’homme machine, man verkündet die Menschenrechte, und der Kultus der Vernunft wird eingeführt. Sogar das Köpfen wird jetzt technisiert, und die Erfindung der Guillotine gesellt sich der der Spinnmaschine, des mechanischen Webstuhls und der Wattschen Dampfmaschine zu. Nach dem kurzen Zwischenspiel romantischer Gefühlsschwärmerei hebt schließlich mit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts der staunenerregende Aufschwung der Technik an, der vom Vordringen materialistischer und monistischer Strömungen begleitet ist, bis heute anhält und sich in der jüngsten Vergangenheit zur Großartigkeit einer Kakophonie steigert, in der mit dem Dröhnen ihrer Motoren Panzer und Flugzeuge, mit dem Hämmern ihrer Propaganda Gottlosenbewegungen das Ohr betäuben. Dem menschlichen Denken, sofern es um die Gottesidee kreist, muß diese entfesselte Technik als ein Wahrzeichen äußerster Gottesferne erscheinen, eine Technik, in der metallisch glänzend die ganze Glorie unserer Überheblichkeit einherklirrt, frevelnder Hochmut eines Geschlechtes, dem Gott nicht mehr innewohnt, und das dem Urbösen Zugefallen ist und anhangt. Grauenhaft nackt und durch keinen Schleier mehr verhüllt, tritt uns das Diabolische unserer technischen Abgötterei zuletzt in der monströsen Erfindung der Atombombe entgegen.

Ist die Technik wirklich diabolisch und kann sie es überhaupt sein? Oder hält eine solche Auffassung vor kritischer Nachprüfung ebensowenig stand wie unser geschichtlicher Scheinbeweis, in dessen Demonstrationen das zu Beweisende immer schon als ursächlich wirkend vorausgesetzt wird? Wenn man mir mit unwiderleglichen Gründen nachweisen könnte, daß wir Menschen von diabolischen Gewalten geprägt, und daß alle unsere Handlungen und Gedanken nur Ausdruck des Wirkens widergöttlicher Wesenheiten sind, dann müßte ich wohl oder übel zugeben, daß auch die Technik diabolisch ist. Ich weigere mich aber, dergleichen einfach zu glauben und bin nicht gewillt, mich aus freien Stücken in einer ähnlichen Geistesenge zu bewegen, wie sie einigen Theologen des Mittelalters eigentümlich war. Diese Denker sahen nämlich in allem natürlichen Geschehen nur das Blendwerk des Teufels, ganz im Gegensatz zu den wahrhaft großen Geistern unter ihren Zeitgenossen, die die Natur als eine göttliche Schöpfung und das Naturgeschehen als der Gottheit lebendiges Kleid erkannten und anerkannten.

Ganz ohne Zweifel ist Technik eine der großen Formen geistiger Gestaltung und ein ebenbürtiges Geschwister der Religion, der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Kunst, oder wie immer die Verwirklichungen unserer schöpferischen Geistigkeit heißen mögen. Der Kunst ist sie am nächsten verwandt, weil sie mit ihr als Schoß derselben Wurzel entspringt. Die eine wie die andere verdanken ihr Dasein dem Spieltrieb gestaltender Hände und treten als geistige Wesenheiten in Erscheinung, sobald der Verstand sich des Gestaltungsaktes bewußt bemächtigt. Wenn man aber versucht, in dem Hinweis, daß jegliches handwerklich-technische Schaffen zweckstrebig im eine Schranke aufzurichten, durch die die Technik von ihrer Schwester, der Kunst, getrennt und aus dem Honoratiorenstübchen der alteingesessenen Kultur ausgeschlossen werden soll, so ist das ein Bemühen, . das sich eines besonders untauglichen Mittels bedient. Es ist nämlich in der Frühzeit ihrer Entwicklung alle Kunst zweckgebunden. Sie dient der Befriedigung magischer oder kultischer Ansprüche, und in dieser mit vermeintlichem Makel behafteten Form lebt sie auch in der Gegenwart noch fort. In der religiösen Kunst, mag es sich um das Altarbild, die Kirchenmusik oder das Passionsspiel handeln, hört, das Kunstwerk zwar nicht auf, ein Kunstwerk zu sein, es ist sich aber nicht mehr Selbstzweck, sondern dient als Mittel zur Lösung anderer, ihm eigentlich wesensfremder Aufgaben.

Damit wird dem künstlerischen Schaffen und seinen Schöpfungen in gewissem Grade Gewalt angetan und ein Schicksal ähnlicher Art bereitet, wie es der Technik widerfährt, wenn die Wirtschaft sich ihrer bemächtigt. Denn wie die Erzeugnisse der Kunst oder die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung weltanschaulich mißbraucht werden können, läßt sich Mißbrauch auch mit technischen Verfahren und Produkten treiben. Dafür können aber weder die Kunst, noch die Wissenschaft oder die Technik als solche verantwortlich gemacht werden. Sowenig nämlich die Handgranate dazu bestimmt ist, Kinderspielzeug zu sein, ebensowenig ist mit der ldee des Flugzeugs von vornherein und unauflöslich der Gedanke verknüpft, es als Bombenträger zu benutzen. Auch beim Pferde besteht ja seitens des Menschen nicht die Notwendigkeit, es in einer Kavallerieattacke einzusetzen.