DIE ZEIT

Es gibt ein Volk (ein einziges noch auf Erden), das so primitiv ist, daß es das Wort "Krieg" nicht kennt. Es handelt sich um die Eskimos. Sie bewohnen die Arktis und wissen natürlich, was Kampf und Kämpfen bedeutet und haben dafür auch Vokabeln. Ihr Dasein ist schließlich ein einziger Kampf gegen die unerbittliche Härte ihrer Welt, und es geht ihnen dabei natürlich nicht immer gut. Es geht ihnen jedenfalls nicht so gut, daß sie auch nur in ihrer Vorstellung auf die Erfindung des Krieges gekommen wären.

Der erste Europäer, der von diesen so primitiven Eskimos berichtete, war der Engländer John Davis vor dreihundertsechzig Jahren. Ungefähr hundert Jahre später betrat der erste Eskimo europäischen Boden. Der Däne Lindenow brachte ihn von einer Expedition mit, und Kopenhagen hatte für einige Tage seine Sensation. Aber erst seit zwanzig Jahren wissen wir von ihnen wirklich etwas, seit Knud Rasmussen sein halbes Leben unter ihnen verbrachte, "um zu untersuchen, was sie enthielten" (wie er ihnen einmal sagte). Was sie aber enthalten, erscheint vieler Verwunderung wert. Diese Eskimos haben Gott gesucht und große Götter der Natur und der Seele gefunden. Um diesen Göttern zu gefallen, erfanden sie ein ganzes System von Sitten, die ihren Tag, ihre Arbeit, ihre Gedanken, ihr ganzes Leben so sehr durchwirken, daß sie keiner Gesetze bedürfen. (Und gibt es ein deutlicheres Wahrzeichen von Kultur als dieses?) Sie erfanden Mythen und Märchen, die das gleiche innige Weltgefühl beweisen, aus dem alle Märchen geboren sind, und sie dichteten ihre Lieder. Die Lieder einer Welt aus Eis und Schnee und Finsternis und Kampf und Not. Lieder von der Furcht und dem Glück, deren die Menschen überall auf Erden fähig sind:

Morgen

Ich hebe mich vom Lager mit Gebärden,

die gleichen eines schnellen Rabens Flügelschlag.

Ich hebe mich, den Tag zu grüßen.