Ich habe nicht gedacht, daß ich einmal hinter diesen Namen ein Kreuz malen müßte. Er selber hatte oft von sich gesagt, er wisse, daß er uralt werden würde, und hatte einen dabei so angeblickt, wie er es gern tat, daß man nicht erkennen konnte, ob er in tiefem Ernst sprach, oder im nächsten Augenblick, belustigt über das Staunen des Hörers, lachen würde. Hier war es ihm ernst, er liebte es, in die Zukunft zu denken. Er brauchte Zeit viel Zeit, um alle küntlerischen Pläne auszuführen, die ihn in einem Reichtum bedrängten, wie ich es niemals sonst erlebt habe. Wann man ihn traf, zeichnete er mit seinem schönen, schnellen, energischen Strich warf er Ideen, Grundrisse, kubische Baumassen, Bebauungsplan-Lösungen aufs Papier. "Dies ist mein Kapital", sagte er zu mir, als er 1938 Deutschland verließ und mir vorher eine Menge dichtgefüllten Mappen übergab, die ich für ihn aufheben sollte, "dies ist mein Kapital; von dem, was in diesen Zeichnungen steckt, kann ich jahrzehntelang leben." Die Mappen sind verbrannt in den Hamburger Schreckensnächten. Karl Schneider starb im Dezember vorigen Jahres in Chikago an einem Herzschlag.

Es fällt mir schwer, hier die Feder anzuhalten. Zu sehr übermannt mich der Zorn über jene Verdie Verbrecher und die entsetzlichen Dummköpfe, die hinter ihnen herliefen, denen wir es verdanken, daß Deutschlands beste Söhne und Töchter zwölf Jahre lang ausgestoßen waren. Wie sollte ich je vergessen, daß Karl Schneider mir beim Abschied, von Ekel geschüttelt, sagte: "Ich kann in diesem Land nicht länger leben, es ist zu entsetzlich. Auch Sie werden es nicht können, kommen Sie mit, kommen Sie wenigstens bald nach."

Es war seine innere Reinheit, die es ihm unmöglich machte, mit jenen grauenhaften Menschen zu paktieren, die mit vollem Bewußtsein Böses taten um des Bösen willen. Diese Reinheit war der Kern seines Wesens? Überall in seinem Werk, in jedem Grundriß, in jeder Fassade, in jeder Begrenzung eines Baukörpers finden wir sie wieder. Sie schreckte viele, die in seine Nähe kamen, sie hat ihm sehr fiel Haß eingebracht. Er verstand die Menschen nicht, die ihn begeiferten. Erstaunt und erschüttert ragte er mich oft: "Was habe ich ihnen eigentlich getan?" Und das war doch so einfach einzusehen, er war besser als sie: ein großer Künstler und ein wundervoller Mensch. Wie sollten sie das ertragen?

Von dem, was Karl Schneider gebaut hat, steht nicht mehr viel. Das meiste ist Brand und Bomben zum Opfer gefallen. Wir werden sammeln müssen, was noch an Zeichnungen und Photographien von seinen Arbeiten erhalten ist. Wir werden es veröffentlichen, denn dieses Werk muß ein Vorbild werden für die junge Generation deutscher Architekten. Aus diesem Geiste der reinen Klarheit, der Harmonie der Maße, die der Musik so verwandt ist – er liebte sie fast so sehr wie seine Arbeit –, aus diesem Geist könnte eine zerschlagene und weglose Jugend den Mut finden zu dem Aufbau eines besseren Deutschlands.

Richard Tüngel