Von Ascan Klee Gobert

April 1945 in Hamburg. So müssen Städte in Erdbebengebieten fiebern, wenn untrügliche Anzeichen drohender Gefahr ihren heißen Atem voraussenden. Gearbeitet wird nicht mehr. Die Schlangen vor den Lebensmittelläden verlängern sich, denn unerwartete und bei aller Spannung freudig begrüßte Sonderrationen werden allabendlich durch Rundfunk angekündigt. In allen Häusern wird Brot geröstet, in allen Gärten werden Silber. Kleidung, Konserven vergraben. Nachdenkliche Blicke streiteil die vertraute Häuslichkeit, Möbel Bilder und Bücher. Wird die Kriegsfackel auch uns niederbrennen, die wir durch Lage oder Glück den pausenlosen Luftangriffen entronnen sind?

Dann geschieht das Wunder. Kaum einzelne, sondern der totgeglaubte Hanseatengeist scheint erwacht und in letzter Stunde den verantwortlichen Männern einen Schleier von den Augen geblasen zu haben, so daß sie statt der Phantasmagorien der wahnwitzigen Berliner Regierung die nüchterne kautmänische Bilanz einer sinnlos niedergewalzten Millionenstadt erfassen. Hamburg kapituliert.

Eine unheimliche Ruhe tritt ein. In den Randgebieten, wo nur hier und da ein Zug aus Holstein rückflutender Soldaten die Stille unterbricht, vermeint man. es sei Friede geworden. Die Sonne scheint Keine Sirene ertönt. Glücklicher als ihre Städtischen Nachbarn, können die, Bewohner in ihren Gärten arbeiten, ohne das Ausgehverbot zu übertreten. Gärten, in denen Kinder spielen wie gestern und vorgestern. Aber es sind Kinder, die uns nun am Leben erhalten bleiben sollen, nachdem wir Haus an Haus die Erstgeborenen für immer verloren haben.

Nach einer Pause von wenigen Tagen setzt das Leben ruckartig wieder da, es ist als ob ein Film, der durch einen Fehler der Apparatur In einem Bild festgebannt wurde, weiterläuft. Die Bahnen fahren, die Arbeitsplätze liegen wie nach ein paar Feiertagen unberührt da, die Lebensmittelmarken gelten weiter. Und während in gleichgeordneten Städten die Menschen zwischen rauchenden Trümmern einen mühseligen Kampf um die einfachsten Dinge wie Wasser und Brot beginnen, geht das Leben in Hamburg weiter.

Nur die Besatzungmacht ist inzwischen eingezogen und zieht weiter ein. Aber welche Überlassung, die Sieger besetzen nicht nur das Land nach überall gültigen militärischen Grundsätzen, de bringen einen Stab nach, der nur die kulturellen Quellen des besiegten Landes entdecken, einfassen, in saubere Sammelbecken leiten soll, Presse, Rundfunk, Musikhalle, Theater, Museum, Universität und Schule erhalten ihre vorgesetzten britischen Dezernate, die mit fertigen Aufbauplanen ausgerüstet sind. So entsteht das Schlagwort von der "Oase Hamburg".

Die Oase zieht nicht nur Kamele in sondern auch Scheichs. Klingende Namen suchen und finden Fürsprache und Hilfe. Teils mittellos – teils unternehmend starten sie ihr Debüt und schon ertönt der erste Mißtrauensschrei gegen die Berliner Überfremdung. Hamburg, dem das Tor zur Welt zugeschlagen ist, entdeckt niedersächsische Blut- und Bodenkomplexe. Doch Gott oder vielmehr die Entnazifizierung lassen die Berliner Banne nicht in den Bühnenhimmel wachsen, und mancher, der einst als Stern den Himmel der überwundenen Epoche geziert, verschwindet wieder n der Provinz, gefolgt von andern, die die etwas mystische Atmosphäre der Berliner Theaterberichte magisch zurückzieht; sie finden für ihre Hoffnung auf schnellere Errichtung von Tempeln Sir ihr goldenes Kalb, den Film, im kaufmännisch kalkulierenden Norden kein rechtes Feld,