Als im Frühjahr 1920 in Berlin jedem Normalverbraucher erstmalig ein halbes Pfund Maismehl "außer der Reihe" zugeteilt wurde, bedeutete das eine Art Sensation. Die unverhoffte Zugabe zu den schmalen Marken-Rationen Wurde geradezu als der verheißungsvolle Anfang einer neuen, besseren Zeit empfunden.

Derartige Erinnerungen sind heute zeitgemäß. Zeilen sie doch, wie lange es damals, nach dem Waffenstillstand vom November 1918, gedauert hat, bis die erste wirksame und in die Breite gehende Hilfe mit der Aufhebung der Blockade Januar 1919 durch Auslandszufuhren eintrat. Und noch in anderer Hinsicht ist die Rückbesinnung auf die Jahre nach dem ersten Weltkrieg jetzt aktuell. Während heute fast ausschließlich von der Welternte, den Weltvorräten und den Verschiffungen an Weizen die Rede ist. war es damals eine Selbstverständlichkeit, daß auf die minder geachteten Brotfrüchte zurückgegriffen wurde, also auf Roggen, Gerste, Hafer, Hirse und Mais, "Hohe Preise haben lange Anne" lautet eine Sentenz aus der Zeit des vergangenen liberalistischen Wirtschaft Damals hat sich dieser Satz bewahrheitet Der Handel sah seine Chancen, und mit steigenden Preisen wurden überall die Reserven mobilisiert und nach den Bedarfsländern in Bewegung gebracht Das geschah, obwohl damals, wie auch heute wieder, ein empfindlicher Mangel an Schiffsraum die Versorgung erschwerte und der Mangel an Devisen in den Bedarfsländern ein schweres Hemmnis für den Handel bedeutete.

Heute gelten andere Wirtschaftsprinzipien als damals. Die neuen Wirtschaftsformen der Planung und Lenkung haben den auf individuellen Vorteil gestellten "freien" Handel, der nach 1918 noch einmal einiges Terrain zurückgewinnen konnte, fast ganz ausgeschaltet. Also geht es jetzt darum, das Mobilisieren der Reserven mit anderen Methoden vorzunehmen. Es mag dahingestellt bleiben, ob das Verfahren, höhere Preise zu gewähren, jetzt möglich ist Vielleicht aber verhilft es doch dazu, den Zufluß der weniger geschätzten Getreidearten an die Märkte und weiter in die Bedarfsgebiete zu verstärken. Gersten- und erst recht Hafergrütze ist eine ausgezeichnete Speise, und ein "Strecken" des Weisen- und Roggenbrotes durch Beimischen von Gersten- und Maismehl wird uns hochwillkommen sein, wenn die Rationen damit auf eine zur Sättigung ausreichende Menge erhöht werden können. Die rein technischen Schwierigkeiten der Frachtraumknappheit schließlich werden sich durch eine Planung und Lenkung, die aus dem vollen disponieren kann, in Kürze überwinden lassen, sobald die starken Anforderungen der Demobilisierung wieder etwas nachgelassen haben.

Im großen und ganzen handelt es. sich bei der jetzigen Verknappung der Weltbestände an Weizen und an Lebensmitteln überhaupt um einen einmaligen, mit der nächsten Ernte schon zu überwindenden Übelstand. Und die neuen Ernten beginnen nun auch schon in den Südgebieten der nördlichen Halbkugel, wie etwa in Französisch-Nordafrika. Anders hegen die Dinge für die deutschen Gebiete. Sie werden auf Jahre hinaus übervölkert bleiben, in dem Sinne, daß-dem Land die wirtschaftliche Kraft fehlt, die Ernährungsbasis in dem erforderlichen Maße zu erweitern. Eine Intensivierung der Landwirtschaft wird ja nur erst allmählich möglich sein. Und die Einfuhr der erforderlichen Zuschußmengen an Getreide ist gleichfalls nur beschrankt möglich, weil das Aufkommen an exportfähigen Waren, aus dem die Einfuhr bezahlt werden muß, voraussichtlich ganz gering bleiben wird. Deshalb ist es erforderlich, sich sehr ernsthaft zu überlegen, wie die Ernährungsreserven der deutschen Wirtschaft zu mobilisieren sind. Dabei wird auch deutlich werden, daß die Rückbildung vom Industriezum Agrarland auf praktisch kaum überwindbare Schwierigkeiten stößt ganz einfach deshalb, weil eine hochintensive Landwirtschaft heute ohne eine starke industrielle Basis nicht existenzfähig ist

Wichtige Fingerzeige für die Möglichkeiten, Jetzt Ernährungsreserven einzusetzen, geben einige Veröffentlichungen der letzten Tage.

In der britischen Zone wird kein Bier mehr für den Bedarf der Zivilbevölkerung gebraut Bisher wurde Gerste vermälzt, deren Qualität für den menschlichen Verbrauch nicht genügte. Da diese Bestände nun erschöpft sind und die Militärregierung es nicht verantworten zu können. glaubt bessere Qualitäten zu Malz und Bier verarbeiten zu lassen, hört die Biererzeugung also ganz auf. Das trifft vermutlich den Verbraucher, der ohnedies keinen rechten Geschmack mehr an seinem Getränk findet, weniger schwer als die Belegschaften der Brauereien und ihrer Nebenbetriebe.

Zu einem entsprechenden Beschluß ist man in der sowjetischen Zone gekommen. Dort war vor kurzem die Spirituosen-Erzeugung im großen Stile wieder angelaufen. Allein in Berlin arbeiteten hundert Betriebe mit einer täglichen Erzeugung von rund 25 000 Flaschen. Jetzt wird die Kartoffelbrennerei eingestellt, weil die verfügbaren Kartoffeln für die Aussaat zurückgelegt werden müssen.