Von FRANZ HEITGRES

Die Fesseln geistiger Lenkung vom Propagandatisch sind gesprengt. Für die Alten kommt ein Erinnern, daß man einst in vergangener Zeit ja nicht alles ohne eigene Meinung schluckte; jene aber, die kritisch blieben, atmen auf und erfreuen sich der Situation, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen, und die Jungen erfüllt ein Ahnen, daß es doch etwas anderes geben muß, als ewig gedrillte Doktrin, als Grundsätze des Unabänderlichen.

Der Wandel der Dinge, die Wandlung des Menschen und die Umwertung der Begriffe werden wieder sichtbar. Noch tastend und suchend wandelt, insbesondere die Jugend, einen noch fremden Weg, um Verständnis werbend, weil sie die Erkenntnis ersehnt. Aber Verstehen, Erkennen und Begreifen sind nur zu erwerben im täglichen Ringen.

Und da steht vor ihr, vor der Jugend und vor dem neu erwachten oder erwachenden Menschen die Idee der Demokratie In der Gemeinsamkeit der großen Idee verbindet sich der Wettstreit der Weltanschauungen, die um ihre Behauptung kämpfen Aber dieser Wettstreit setzt voraus das Bekenntnis zur Demokratie, zur Entwicklung der freien Persönlichkeit innerhalb der Gemeinschaft. Wer aber das Recht, daß ihm die Demokratie einräumt. mißbraucht, verwirkt dieses Recht.

Ich will hier nicht von jenem Mißbrauch sprechen, der, offensichtlich erkennbar, sich auch sofort physisch bemerkbar macht Sondern von jenem versteckten Streben, das nicht jedem als Mißbrauch sichtbar ist, das sich nur langsam, aber desto sicherer auswirkt. Wir wissen darum, wie eine Position, eine Machtstellung die günstige Basis zur Verbreiterung des Einflusses einer Macht oder einer Weltanschauung bietet. Im neuen Deutschland kommt es aber gerade darauf an, daß jener, der beispielsweise als Verwaltungsbeamter in der Regierung, als Leiter einer über den Parteien stehenden Organisation oder als Pädagoge in der Lehranstalt die Brücke findet, im weitesten Sinne über alle Parteiengrenzen zu wirken Er wird, da er ja auch, ob bekannt oder nicht, einer Weltanschauung oder einem Parteiprogramm folgt, durch seine Person, durch sein Wirken für seine Idee werben, oder aber, ist seine Tat eine schlechte, diese von ihm vertretene Idee diskreditieren und damit zum Hemmnis seiner eigenen Zielsetzung werden.

Nutzt er aber seine Stellung bewußt im Interesse einer Partei, um dieser die Vorteile seiner Machtstellung genießen zu lassen, und schaltet hemmend die Kräfte einer anderen Richtung aus, so versucht er es nicht einmal, sich vom objektiven Geist tragen zu lassen. Verschließe darum keiner die Augen vor jener unabwendbaren Wahrheit, daß letzte Objektivität nicht möglich ist, daß selbst der ehrliche Versuch ein Versuch bleiben muß, der mehr oder weniger, aber niemals vollendet, gelingt.

So wächst der Geist des Erziehers im jungen Menschen zur neuen Reife und neuen Erweiterung heran. So wird der Gedanke eines Repräsentanten der Öffentlichkeit zum Programm der Masse, und bei der Prüfung der Folgen oder der Erfolge bleibt es uninteressant, ob gewollt oder nicht. Die Saat wurde gelegt, und es kann die gewollte Objektivität nicht verhindern, daß sie ihren fruchtbaren Boden sucht. Ist ihr Gedanke gut, ist ihr Träger stark, so wird sich die einer möglichst objektiven Form bedienenden Propagierung die nachhaltigste Wirkung erzielen. Sie wird sich dann nicht von Augenblickserfolgen berauschen lassen, sondern sie wird den ganzen Menschen erfassen und seine Persönlichkeit so formen, daß er selbst zu einer der Formen der verbreiteten Idee wird.