Von JOHANN ALBRECHT VON RANTZAU

I.

"Die echte Politik muß eine historische Grundlage haben, auf Beobachtung der mächtigen und in sich selbst zu namhafter Entwicklung gediehenen Staaten beruhen", dies war Rankes, also unseres größten politischen Historikers, im Jahre 1836 geäußerte Auffassung. Wenn nur nicht im Verlauf des 19. Jahrhunderts diese historische Staatenkenntnis bei uns zu starrer Dogmatik verengt worden wäre, wenn nur nicht, aufs ganze gesehen, Geschichte und geschichtliche Theorien unseren politischen Sinn mehr geschwächt als gefördert hätten. Überhaupt ist ja bei uns, bei Regierenden und Regierten, der Blick für das Wesen der Politik durch Theorien verdunkelt. Die Definition der Politik, als der Kunst des Möglichen, ist in ihrer ganzen Tragweite nie begriffen oder nicht beherzigt worden. Nicht die ungefährlichsten der eben erwähnten Theorien stammen aber aus der geschichtlichen Weltanschauung des 19. Jahrhunderts.

Dieser Sachverhalt konnte schon während der wilhelminischen Ära, als unsere staatliche Entwicklung überwiegend mit Optimismus betrachtet wurde, einem realistischen historischen Kopf nicht verborgen bleiben. 1904, als England und Frankreich ihre kolonialen Gegensätze ausglichen und damit die Grundlage zur Entente Cordiale legten, hatten die Geheimräte des Auswärtigen Amts nicht an diese Möglichkeit geglaubt; sie spekulierten nämlich auf den historischen, mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden Gegensatz der beiden Kolonialmächte. Die Ratgeber Wilhelms II., bemerkt hierzu Friedjung, der Geschichtsschreiber des modernen Imperialismus, waren eingesponnen in historische Erinnerungen und völkerpsychologische Lehrmeinungen und erkannten nicht, was sich in der Weltpolitik neu vorbereitete: die neue Konstellation war eben die, daß die Art und Weise der deutschen Ausdehnung fast allen Weltmächten so bedrohlich erschien, daß sie sich ohne Rücksicht auf alte Gegensätze zusammenschlössen; auch der englisch-russische Gegensatz wurde ja 1907 ebenso überraschend für Deutschland beiseitegesetzt.

Der Sinn der eben erwähnten Episode für unser Thema ist klar. Die optimistische Hoffnung des frühen 19. Jahrhunderts, daß das neu erwachte historische Lebensgefühl, das vermehrte historische Wissen der Politik zugute kommen müßten, hat sich nicht erfüllt. Die Freude am Geschichtlichen hat sich im 19. Jihrhundert zu einer geschichtlichen Weltanschauung. dem Historismus entwickelt. Der Politik aber ist dieser Historismus bei uns nicht zugute kommen, vielmehr ist der politische Sinn durch historische Traditionen und Theorien gelähmt und irregeleitet worden.

II.

Eine historisch-politische Tradition, die durch das 19. Jahrhundert hindurch bis in unsere Tage verhängnisvoll gewirkt hat, war der aus dem Mittelalter übernommene Reichsgedanke. Was war das von Bismarck gegründete neue deutsche Kaiserreich in Wirklichkeit? Es war ein moderner Nationalstaat unter anderen Nationalstaaten, von denen mehrere gleich mächtig und gleich selbstbewußt ihre europäische und ihre koloniale Existenz leiten. Durch die Bezeichnung "Reich" aber für das 1870 geeinte Deutschland ließ man sich dazu verführen. Oberhoheitsansprüche im Sinne des mittelalterlichen "Römischen Reiches Deutscher Nation" geltend zu machen. Nach 1933 insbesondere ist eine umfangreiche historisch-politische. Literatui entstanden, die um diesen Reichsgedanken kreiste; das bekannteste Werk dieser verhängnisvollen Richtung war Stedingks: Das Reich und die Neutralen. Wir alle wissen aber auch, daß die Ansprüche, die ganz Europa, und mehr als Europa, gegen ins unter die Waffen riefen, aus diesem Reichsgedanken hergeleitet wurden.