"Hans Sachs, Schuhmacher und Poet dazu", ist dreifach erweckt worden: 1776 durch Goethe, 1868 durch Wagner, nach dem ersten Weltkrieg durch die Laienspiele der hündischen Jugend. Goethes "Erklärung eines alten Holzschnittes, vorstellend Hans Sachsens poetische Sendung", machte den Altnürnberger Zunftherrn wieder "literaturfähig", nachdem das höfische Barock ihn mißachtet, schließlich vergessen hatte. Dem Erstdruck seines Gedichtes über Sachs, im Aprilheft 1776 von Wielands Zeitschrift "Teutscher Merkur" folgte der Abdruck zweier Gedichte von Sachs: "Der Liebe Zank" und "Sankt Peter mit der Geiß", auch ließ Wieland eine von ihm verfaßte "Zugabe einiger Lebensumstände Hans Sachsens" folgen. Es ist nicht bei diesem Ehrengedächtnis allein geblieben. Wielahds briefliche Äußerung an Lavater, die mit Beziehung auf Hans Sachs feststellt: "Wir beugen uns alle vor seinem Genius, Goethe; Lenz und ich", deutet an, was Sachs damals für Goethe bedeutet hat. Auf Sachsens Spuren erweckte er dessen vierhebigen, den "Knittel’-Vers, zu neuem Leben in Werken wie dem "Jahrmarktsfest von Plundersweilen", dem "Ewigen Juden" und in Gedichten im Grund- und Mittelwerk seiner Weitläufigkeit: dem ersten "Faust". Er brauchte dabei den kernigen Ton des Altmeisters von der Pegnitz nicht nachzuahmen – mit Sachs wurzelte Goethe im fränkischen Dialekt. Daß er, der Spielfreudige und Verwandlungssüchtige, auch als Schauspieler für seinen Sachs geworben hat, ist für eine Aufführung des Fastnachtsschwanks vom "Narrenschneiden" bezeugt, den Goethe 1778, mit sich selbst als Wunderdoktor, bearbeitet und inszeniert hat.

Mit Richard Wagners "Meistersingern von Nürnberg" hob die Verklärung der Gestalt Sachsens für das bürgerliche Gemüt an. Es ist eine Nebenwirkung dieses gediegensten Lustspiels der Deutschen, daß es dem Meister Sachs unter Flieder und hinter Butzenscheiben, schließlich im naiven Tumult der Festwiese, jene Mischung von Verlieblichung und Pathetisierung angedeihen ließ, die das Sachs-Bild des Volkes weithin festgelegt hat.

Weniger Farbe, wohl aber mehr Kontur zeigte der Sachs der Fastnachtsspiele, den der Wandervogel und auf seinen Spuren die Laienspielbewegung der Jugendbünde insgesamt aufs Panier hob. Kantig, bieder, treuherzig und verschmitzt, selbst eine Art Holzschnitt in der herben Holzschnittmanier seiner schalkreichen Spiele, nahm Hans Sachs nunmehr mit seinem Worte selbst Wohnung unter seinem Volk.

Sachs und Nürnberg sind untrennbar eins. Sachsens Nürnberg, eine Hochburg des protestantischen Humanismus und eine Trutzstätte des jungen lutherischen Geistes, erglänzte in jenen Jahren unter doppelt günstigem Gestirn. Es gab im Handel mit der Welt den Reichtum der Fugger und Holzschuhen, deren Gold aber diente zugleich dem begnadeten Meisterfleiß der Adam Krafft, Peter Vischer und Albrecht Dürer. Sachsens Nürnberg ist das Nürnberg von Sakramentshäuslein und Sebaldusgrab, von Hieronymus im Gehäus, Melancholei und Ritter gegen Tod und Teufel. Es ist schließlich das Nürnberg des Erzhumanisten Willibald Pirkheimer, in dessen weltoffenem Diplomatenhaus die berühmtesten Männer der Epoche aus- und eingegangen sind. Die Mauern seiner geliebten Pegnitzstadt umschlossen damals, was ein verantwortlich gelebtes Leben lebenswert macht: Freiheit von Gewissen und Glauben; Ordnung unter unantastbaren Satzungen eines von Willkür unentweihten Rechts; Daseinswürde in arbeitsamem Alltag, überhügelt von lebensfreudigem Fest; dauerhafte Fundamente von Gesinnung und Gesittung, übernommen aus gehütetem Vätererbe, gesteigert in getreuem Sohnesfleiß; unter dem Himmel des Friedens eine sich selbst verwaltende Gemeinschaft besonnener Männer; Lebenswürde eines geliebten und gelobten, irdisch prangenden Hier, das sich jedem tieferenBezug hingeordnet wußte auf ein fröhlich geglaubtes und bekanntes Dort. Daß so reinen Bildern auch ihre Verzerrungen und Fratzen gegenüberstanden, ist, wie rundum so auch in Sachsens Nürnberg "Lauf der Welt". Wieviel er von diesem gewußt – und was er nach seinen Kräften getan, die Fratzen anzuprangern, Ausgerenktes einzurenken, kurz, was Hans Sachs nicht nur als Schilderer von Zeit und Sitte, sondern zugleich als ihr unbestechlicher Merker und Richter getan, das weisen die Folianten seines bienenfleißigen Gesamtwerks aus.

Der Schneidersohn Sachs besuchte von seinem siebten bis in sein fünfzehntes Jahr die Nürnberger Lateinschule. Grammatika mit Rhetorik und Dialektik, dazu Musika waren die bräuchlichen Grundlagen damaliger Knabenunterweisung. Aus der Schule kam er in die Schusterlehre; zugleich aber unterwies ihn der Leineweber und Meistersänger Leonhard Nunnenbeck in der "holdseligen Kunst" des Meistergesangs.

Eine Zeitgenossenschaft, die ihren Wagner so ausführlich genießen durfte wie die unsrige, braucht gewiß nur an den ersten Akt der "Meistersinger" erinnert zu werden, um den kulturgeschichtlichen Hintergrund, den Wagner in enger Anlehnung an die Quellen zeichnete, unverzüglich vor Augen zu haben. "Meistergesang", das war ein kollektiver Betrieb zur Ausübung der Sing- und der Dichtkunst. In bürgerlicher Genossenschaft zunftmäßig verbunden, glaubte man an die Lehr- und Lernbarkeit des Dichter-ABC nach der "Tabulatur". Solche Gruppen, Gilden und Vereine hießen Singschulen; ihre vollberechtigten Mitglieder Meistersänger; ihre Satzungen und ihre Fachsprache waren eine Wissenschaft für sich. Nichts lag näher, als daß die biederen Meister treuherzig meinten, Gedichte ließen sich "machen" wie ihre Brote, Schuhe, Hüte, Strümpfe und Wämser. So kannten sie, ihrem Handwerk getreu, Dichterlehrlinge, Dichtergesellen und Dichtermeister. Die Brote, Hosen, Wämser und Schuhe sind ihnen hoffentlich aber besser geraten als, bei einer grauslichen Vergewaltigung des Geistes durch die Form, ihre verschrobenen und gekünstelten Versmaße, die – als wären die Herren Meister von Hause aus durch die Bank Schmiede gewesen – überwiegend mit einem Hammer fideler Vergewaltigung auf einem Amboß allduldenden Erbarmens "geschmiedet" zu sein scheinen. So hat die, Zeit, streng und gerecht auch hier, ins Reich irdisch verstandener Unsterblichkeit nur den einzigen Meistersinger weitergegeben, der den Meistersang, indem er ihn vollendete, überwand: Hans Sachs.

Er hat sich seine wirklichkeitsnahe Weltkunde, das lebensvollste Element seiner Poesie, noch da, wo auch sie nichts anderes ist denn dürre Poeterei, erwandert. Siebzehnjährig ging der Geselle zunächst über Regensburg nach Tirol. In Innsbruck, so berichtet er selbst, trat er als Weidmann in die Dienste Kaiser Maximilians, des "letzten Ritters". Durch Bayern und Franken gelangte er an den Rhein, über Koblenz und Köln bis nach Aachen. Wo immer unterwegs Singeschulen der Meister anzutreffen waren, saß der junge Sachs lernend auf deren Bänken. Er war neunzehnjährig, als er, zu Wels im Österreichischen arbeitend, beschloß, sich künftig der Dichtkunst zu widmen. In einer Münchner Singeschule trug er seine ersten Arbeiten vor. Noch drei Jahre blieb er ein frohgemuter Odysseus der vaterländischen Landstraßen, nach Nord bis Lübeck, südwärts bis Wien vordringend; dann kehrte er heim.