Von JAN MOLITOR

Der 32jährige Dr. D. wollte kein "Schwarzfahrer" sein, er wollte nicht heimlich über die "grüne Grenze"; er wollte – um die einschlägigen Farbtöne beizubehalten – sich eine "weiße Weste" bewahren. Außerdem hatte er zuviel Gepäck. Beladen wie ein Kuli, trat er in Lübeck die Reise in die russische Zone an. Lübeck – eine Stadt, die wahrhaftig dicht genug an der Zonengrenze liegt. Dr. D. hoffte das Beste. Er hatte seiner Uniform, die er als Stabsarzt getragen, eine gewisse fesche, sportliche Note gegeben. Von Lübeck nach Leipzig, das ist ein Katzensprung. Aber acht Tage später konnte man Dr. D. in Hamburg treffen. Er saß fest wie ein Gestrandeter. Vierzehn Tage später auch noch. Jetzt sah er wirklich wie ein Kuli aus oder so, wie man sich einen Kuli vorstellt. Der leichte Chloroformgeruch, den er vom Hospitaldienst noch in seiner Uniform trug, hatte sich verflüchtigt. Jetzt roch Dr. D. nach allem Elend der Welt. Er war in das Lager der Heimkehrenden geraten. Mit Hunderten und aber Hunderten von Schicksalsgefährten, die zur russischen Zone wollten, saß er fest. Und wahrscheinlich sitzt er da heute noch im Hamburger Lager, das er "Wartesaal zur anderen Seite" nannte. Er selber jedenfalls war hart daran, den Glauben aufzugeben, daß jemals noch ein Zug käme, ihn zur andern Seite mitzunehmen, wo Frau und Kinder und eine Klinik auf ihn warten.

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Wie sagte Alfred Polgar seinerzeit im Anklang an einen Dreigroschenoper-Vers von Brecht? "Nur wer im Wohlstand reist, reist angenehm!" Dabei tun sich diese armen Reisenden auf die Legalität ihres Unternehmens noch etwas zugute und meinen, die Illegalen, die Abenteurer der "grünen Grenze", hätten es noch viel schlechter. Der 28jährige Mechaniker M. wundert sich allerdings, daß ein ziemlich fester Zaun das Lager der Legalen umschließt und ihnen den Weg nach draußen versperrt. Nachts indes, nach "Curfew", schlüpft er durch geheime Zaunlücken, um mit ein paar entschlossenen Kumpanen den Bäumen im nahen Stadtpark zu Leibe zu gehen. Der "Wartesaal zur anderen Seite" nämlich besteht aus Wellblechbaracken. Die Kälte ist ein Hauptproblem. Man hat zwar einen Ofen, aber kein Holz. Man hat schon verheizt, was nicht niet- und nagelfest war. Nicht umsonst mußte sogar die Sitzstange der Latrine ins Feuer wandern. Aber; wer nachts auf Bäume Jagd macht im Lager der Legalen, ist der noch "legal"? Ein paarmal hat der Police-man Mitleid gehabt, der morgens durch das Lager geht, und hat dem Ofen, um den die Leute wie dunkle Krähen kauern, eine stinkende Matratze zum Fraß vorgeworfen. Aber was nützt ein Strohfeuer zwischen Wellblechwänden!

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Der 40jährige Berliner Kaufmann W. hat über die vermutlichen Gedanken des Policeman nachgedacht. Der geht also des Morgens durch das Lager, eingehüllt in die Duftgloriole einer englischen Zigarette. Er kommt in blanken Schuhen, sauberer Uniform, weißem Gürtelzeug. Der Kaufmann und ehemalige Unteroffizier W. kann sich noch erinnern, wie er selbst .ebenso adrett und ausgeruht durch die Etappendörfer der Rußlandfront schritt. Wenn er die Russen dann sah, zusammengekauert, übelriechend, schmutzig, ohne Schuhe, dachte er, daß alles dies einfach Attribute des russischen Volkscharakters seien. So kurzsichtig war Unteroffizier W., wie er selbst gesteht, in der Etappe. Und nun schämt er sich, weil er fürchtet, der Police-man könnte einen ähnlichen Denkfehler machen. "Übelriechend, schmutzig, zusammengekauerte Lumpenbündel: summa summarum – Deutsche." Manchmal wirft einer der Police-men seinen Zigarettenrest weg, und das ist ein schlimmer Augenblick für den Kaufmann W., denn ehe der englische Soldat noch den Rücken wendet, stürzen die Männer – "und leider auch die Frauen" – herzu, um nach dem Stummel zu schnappen. Darüber schämt sich der Kaufmann W. angesichts des Police-man, der solche Demonstration offensichtlich nicht erwartet hat und peinlich berührt zu sein scheint von dem plötzlichen Tumult um einen Stummel. Doch was wollen Sie, Herr Kaufmann W. Das Elend trägt in der ganzen Welt die gleichen Lumpen und die gleichen Gebärden!

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