Die Vereinigten Staaten haben den Neuaufbau nach dem Kriege mit der ihnen eigenen Tatkraft angepackt. Auch in USA herrscht Wohnungsnot, bedingt durch die jahrelange Unterbrechung des privaten Hausbaues im Kriege und durch die große Nachfrage, die sich aus den ansteigenden Fluten der Eheschließungen bei Rückkehr der entlassenen Soldaten in ihre Heimat ergeben wird. "Wir wollen keine kleinlichen Pläne aufstellen", lautete die Richtschnur, die Präsident Truman aufstellte, und wer das neue Hausbauprogramm ansieht, der wird zugeben, daß dieses Wort erfüllt wurde.

Noch im Jahre 1946 sollen 1 200 000 Wohnungen hergestellt werden, wovon- 500 000 im Schnellbau als Notwohnungen gedacht sind. Im kommenden Jahre sollen dann weitere 1 500 000 Wohnungen, diesmal entsprechend normaler Ansprüche, fertiggestellt werden. Mit diesem Programm billiger Hausbauten, zu denen dann allerdings nur je nach Freiwerden von Material und Arbeitskräften noch private Bauten hinzutreten würden, wird den dreieinviertel Millionen Familien, die voraussichtlich Ende dieses Jahres Anwärter auf Wohnungen sein werden, die Hoffnung gegeben, in absehbarer Zeit ein eigenes Heim zu billigen Preisen erwerben zu können.

Während des Krieges sind ganze Städte der Rüstungsindustrie, teilweise in entlegenen Wüsten, aus dem Boden gewachsen. Von dort strömen die Menschen zurück in ihre alten Wohnorte, so daß die Umstellung der Industrie zugleich eine örtliche Verlagerung der Bevölkerung und damit neue Nachfrage nach Wohnraum schafft.

Besonders bevorzugt werden Kriegsteilnehmer, die die Hälfte der Wohnungsuchenden stellen. Sie sollen in die Lage versetzt werden, ein Haus für 6000 Dollar zu kaufen oder eine Wohnung für 50 Dollar im Monat mieten zu können. Um die Finanzierung sicherzustellen, verlangt der Leiter des Hausbauamtes, Wilson Wyatt, einen Kredit von 600 Millionen Dollar aus Bundesmitteln. Die finanzielle Frage tritt jedoch zurück gegenüber der Frage nach Arbeitskraft und Rohstoffen, und das ist wiederum ein Problem der Technik.

Als die Nordamerikaner die große Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre durch Vergebung großer Bauaufträge zu beheben suchten, zeigte es sich, daß die Bautechnik inzwischen derart fortgeschritten war, daß der Einsatz an Arbeitskräften längst nicht das Ausmaß erreichte, das früher angenommen wurde. Die Maschine ersetzte den Menschen. Der Bauunternehmer, der die Mechanisierung am weitesten trieb und die größten technischen und finanziellen Erfolge errang, war Kaiser. Mit seinem Namen ist das gewaltige Schiffsbauprogramm des zweiten Weltkrieges untrennbar verbunden. Bekannt geworden ist er jedoch als der Erbauer des damals größten Staudammes der Welt, des Boulderdammes, dazu noch in einer beispiellosen Rekordzeit. Er bildet heute für Amerika das Sinnbild des technischen Fortschritts wie Henry Ford.

Nicht Menschen, Maschinen haben damals die Arbeit geleistet! Über Kilometer hinweg brachten Fließbänder die Baumaterialien an die Baustelle heran. Was an Arbeit anderswo hatte geleistet werden können, war geschehen. Nach dem gleichen Grundsatz wurden die Schiffe gebaut. Die Rekordzeiten. die zwischen Kiellegung und Stapellauf lagen, erschienen märchenhaft, selbst wenn man bedenkt, daß die Teile wie Rumpf, Schiffsbrücke, Schornsteine usw. "nur" zusammengesetzt wurden. Mit dieser Technik soll nun nicht nur der Krieg, sondern auch die Friedensschlacht des Hausbaues gewonnen werden.

Neben den Hausbauten für Wohnungsbedarf stehen beispiellose Pläne für Ausweitung der Industrien. Gewiß enthalten die angekündigten Projekte die Umstellung der Rüstungsindustrie auf den Friedensbedarf, dennoch überraschen die angegebenen Zahlen, an denen zu zweifeln wir keinen Anlaß haben. Das Handelsministerium hat sich im letzten Sommer durch Rundfragen ein Bild vom amerikanischen Bauvorhaben zu verschaffen gesucht. Danach wollen Industrie, Gas- und Elektrizitätswerke und Eisenbahnen allein im Haushaltsjahr 1946 für Anlagen, Maschinen und Betriebsmittel 11 Milliarden Dollar ausgeben. Das bedingt eine erneute Ausweitung der Produktionskapazität, die überwältigend ist. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Kapazität der nordamerikanischen Stahlerzeugung bereits auf 99,9 Millionen Tonnen im Jahr gestiegen ist oder zwei Drittel der Stahlerzeugung vor dem Jahre 1939 ausmacht.