Zur Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen

Als ich das Theater verließ, legte eine bemerkenswert hübsche junge Frau ihre Hand auf meinen Arm mit den Worten: "Bitte, verreißen Sie dieses Stück nicht, sonst werde ich Ihnen ernstlich böse sein." Ich bin immer gern galant gegen Damen und bin auch alt genug, daß es mir ein zärtliches Vergnügen macht, die Wünsche einer anmutigen Jugend zu erfüllen. So stehe denn gleich hier, was eigentlich an den Schluß der Kritik gehört: Die Uraufführung war ein großer Erfolg. Das Publikum lachte oft und herzlich, es gab Beifall bei offener Szene und viele Vorhänge nach Schluß der Vorstellung. Helmut Käutners Regie hatte jene leichte einfallsreiche Grazie, die wir an ihm lieben. Die Darsteller – Damen und Herren – fügten sich ihr so selbstverständlich ein, daß man nie einen Zwang bemerkte. Die schauspielerischen Leistungen waren schön und ausgeglichen. Die Typen – wie wir gleich sehen werden, handelt es sich um Typen – waren gut charakterisiert, das Bühnenbild so einfach, wie das Stück es verlangt, und doch reizvoll genug. Die einzige Enttäuschung für das Publikum blieb, daß der Dichter nicht selbst erschien, um den Dank entgegenzunehmen.

"Das Abgründige in Herrn Gerstenberg" ist ein später Nachfahre der Geisterstücke und Zauberpossen Nestroys und Raimunds. Es ist romantisches Theater, dies zeigt sich eindeutig in der Form. Zum Programm der Romantik gehört, daß Kunst und Leben getrennte Reiche seien, und von ihrem Beginn schreibt sich jene Entwicklung der letzten hundertfünfzig Jahre her, die das Künstliche in der Kunst besonders betont, um den Gegensatz zum Leben deutlich zu machen und dadurch die Überlegenheit des Kunstwerks über die Natur zu manifestieren. Dies führt in der Malerei über den Impressionismus (Plus c’est plat, plus c’est d’art) zu der "abstrakten" Kunst unserer Tage, im Schauspiel von den Kunstfiguren Grabbescher und Büchnerscher Lustspiele zu der Auflösung der dramatischen Form durch das Mittel der Ironie und des Surrealismus bei Luigi Pirandello, Bert Brecht, T. S. Elliot und Thornton Wilder. Ambesser bedient sich dreier Mittel, um diese Künstlichkeit zu erreichen: Er führt den Spielleiter als handelnde Person, als Raisonneur des Stückes ein, er läßt seine Figuren in langen Monologen ihre Gefühle und Handlungen erklären und gibt dem abgründigen Herrn Gerstenberg selbst zwei nur für den Zuschauer und den Spielleiter sichtbare Gestalten bei, die die guten und schlechten Regungen in seiner Seele personifizieren und durch ihre Unterhaltung seine Monologe ersetzen. "Ist er gut, ist er böse?" lautet der Titel eines Stückes von Diderot, in dem der Held monologisierend selber an den Motiven seiner Handlungen Zweifel offenbart, die in amüsantem Gegensatz zu den Urteilen der Mitspieler stehen. Bei Ambesser gibt es keine solche Frage und keinen Zweifel, sondern nur eine Feststellung: So ist er und nicht anders. Durch die vielfache Bespiegelung verlieren alle Gestalten ihre Individualität. Sie sind keine Rätsel mehr, sind mit sich selber identisch, sind Typen geworden. Ein paradoxes Ergebnis einer Vervielfältigung der Mittel, die der Charakterisierung dienen sollen.

Die Handlung ist sehr einfach. Herr Gerstenberg, ein erfolgreicher Holzhändler, ist für die Reize einer ein wenig lockeren Dame empfänglich, um deren Finanzen es nicht zum besten steht. Sein Nachbar, Herr Meiners, ein Kohlenhändler, möchte seine Tochter mit ihm verheiraten und klärt ihn deshalb über die Schulden jener amourösen Dame auf. Lieschen Meiners liebt Herrn Brettschneider, einen unvermögenden jungen Mann, der für Bildung schwärmt. Die Konflikte lösen sich sehr schnell. Die amouröse Dame bleibt sitzen, der junge Mann erhält vom Vater den Laufpaß, und Lieschen Meiners verlobt sich auf Wunsch der Eltern mit Herrn Gerstenberg. Der Witz des Stückes ist böse, auch da, wo er possenhaft von der Assoziation lebt. Es sei heute nicht mehr möglich, wie zu Shakespeares Zeiten, eine Tragödie zu schreiben, so äußert sich der Spielleiter am Schluß zu Lieschen Meiners, wir seien zu Schlacke ausgebrannt und könnten nur noch durch den Witz die Tragik der Ereignisse fühlend miterleben Dies sagt er ihr zum Trost, weil sie erstaunt ist, daß das Publikum über ihr trauriges Schicksal lacht. Aber wie soll der Hörer denn ihren Kummer mitempfinden? Eine Kunstfigur wirkt niemals tragisch, Typus kann unser Mitleid nicht erwecken, kein Gestalt, die mit sich selber identisch ist, hat kein Leben mehr, wird zur Maske, zur Karikatur.

An Witzen fehlt es diesem gut gebauten und geistreichen Stück wahrhaftig nicht, die Zuschauer – wie gesagt – amüsierten sich prächtig. Ich bin traurig nach Hause gegangen. Mir fehlte es in diesem Stück an Herz, an etwas Wärme, die ich bei dem Dichter gern gefunden hätte.

Martin Rabe