Von ERICH WELTER

Im Februar gingen in Neuyork eines Tages plötzlich die farbigen Lichtreklamen aus. Selbst die Straßenbeleuchtung konnte nur noch notdürftig aufrechterhalten werden. Diese Verfinsterung war ein Symbol dafür, daß das ganze Leben der Metropole ermattete. Was war geschehen? Im größten Hafen der Welt war die Mannschaft der wenigen 400 Schleppboote in den Streik getreten. Kleine Ursachen – große Wirkungen. Die durchschnittlich mit kaum 10 Mann besetzten Schleppschiffe sind es, die normalerweise den Umschlag einer jährlichen Fracht von 130 Millionen Tonnen ermöglichen. Sie sind es, die im größten Hafen der Welt den Verkehr der großen Lastschiffe und Ozeanriesen in Bewegung halten. Diese 400 Boote holen ein Drittel der 34,5 Millionen Pfund Nahrung ein, die die City tagtäglich konsumiert. Ohne die Trugboats stockt die Brennstoffzufuhr, stockt also auch die Gas- und Elektrizitätsversorgung, und in den 683 000 Gebäuden der City bleibt dann die Heizung aus.

Der Fall ist in vieler Hinsicht lehrreich. Justus von Liebig hat einst in seinen Grundsätzen der Agrikulturchemie gelehrt, daß derjenige notwendige Bestandteil, der verhältnismäßig am geringsten im Boden enthalten ist, die Fruchtbarkeit eines Feldes bestimmt. Dieses Gesetz vom Minimum gilt keineswegs nur für das Wachstum der Pflanze oder den Ackerbau; es ist in der gesamten Wirtschaft wirksam. Je dichter und verzweigte: das Getriebe der arbeitsteiligen Wirtschaft ist, um so schwerer werden im allgemeinen die Folgen sein, wenn bloß ein einziger notwendiger Bestandteil der Produktion knapp wird oder gar ausfällt. Es sind die berühmten fehlenden Schräubchen, die die Leistung der vollkommensten Fabrik begrenzen, und was für die einzelne Unternehmung gilt, trifft ebenso für das Ineinandergreifen des volkswirtschaftlichen Getriebes zu.

Einzelne Gewerbe nehmen dabei eine besonders wichtige Stellung ein, die nicht immer von ihrer zahlenmäßigen Größe bestimmt ist, wie man an der volkswirtschaftlichen Tragweite des Schlepperstreiks für die ganze amerikanische Wirtschaft erkennen kann. Diese sog. Schlüsselgewerbe spielen daher im wirtschaftlichen Machtkampf eine bevorzugte Rolle. In der modernen wirtschaftlichen Kriegführung sind die feindlichen Mächte bemüht, einander mit möglichst geringen Mitteln möglichst rasch mattzusetzen. Deshalb sind beispielsweise die englisch-amerikanischen Bombenangriffe auf Kugellager- oder Benzinfabriken oder die Knotenpunkte des Verkehrs konzentriert worden. Dieses Bemühen, auf die effektvollste Weise sog. Engpässe in der Wirtschaft des Gegners zu schaffen, ist nichts anderes als die Nutzanwendung des Gesetzes vom Minimum auf die bewaffnete Auseinandersetzung gewesen. Auch mitten im Frieden spielen Engpaßerwägungen unter Umständen eine Rolle. In den sozialen Auseinandersetzungen versuchen die Partner zuweilen, den Gegner möglichst schwer zu treffen, um ihn den eigenen Wünschen schneller gefügig zu machen. Auch wenn es nicht in der Absicht der Schleppbootbesatzungen gelegen hat, durch ihren Streik einen Lebensnerv des Neuyorker Wirtschaftslebens zu verletzen, sondern wenn der Streik lediglich in der besonders schwierigen Lage dieser Gruppe von Arbeitern seinen Grund hat, so ist dieser Streik doch jedenfalls ein Musterbeispiel dafür, wie stark der komplizierte Prozeß einer Volkswirtschaft durch eine scheinbar kleine Störung gelähmt werden kann.

Wie die Pflanze den Versuch macht, fehlende Aufbaustoffe durch andere zu ersetzen, wie der Bauer sich bemüht, den Mangel an Düngemitteln auf irgendeine Weise auszugleichen, selbst wenn der Aufwand dadurch wächst (etwa durch vermehrte Heranziehung von Stalldung), so sind auch in der Volkswirtschaft, vielerlei Kräfte wirksam, um das Gesetz vom Minimum in seiner Bedeutung abzuschwächen. Würden im Kriege beispielsweise die Kugellagerfabriken durch Bombenangriffe zerstört, so versuchte die Flug- und Fahrzeugindustrie den Engpaß durch vermehrte Anwendung von Walzlagern auszuweiten. Würde Treibstoff knapp, so suchte man sich durch Generatoren zu helfen. Die Besatzung von ein paar hundert Booten läßt sich, wenn auch nicht von heute auf morgen, so doch eines Tages ersetzen, sofern die Solidarität der Arbeiter solche Versuche nicht vereitelt. Lassen sich die Schlepper nicht wieder in Gang setzen, so kann man schließlich die Schiffszufuhr überhaupt zu einem Teil durch Eisenbahntransporte ausgleichen. Der Grad, in dem die einzelnen Produktionselemente ersetzt oder nicht ersetzt werden können, ist jedoch sehr verschieden.

Einige können schwer oder gar nicht entbehrt werden. Ein Schlüsselprodukt ersten Ranges für die moderne Volkswirtschaft ist der Stahl. Deswegen ist der Festsetzung des Stahlkontingents, das Deutschland künftig herstellen darf, von Siegern und Besiegten mit vollem Recht eine überragende Bedeutung beigemessen worden. Stahl wird für fast alles und namentlich für die Investitionen gebraucht, die das Wesen des neuzeitlichen Produktionsprozesses ausmachen. Das geht so weit, daß ein Forscher vom Rang Arthur Spiethoffs schon vor 40 Jahren den Eisenverbrauch als Hauptsymptom für die Darstellung des gesamten Konjunkturverlaufs benutzt hat. Stahl bedeutet für das Wachstum der Volkswirtschaft etwas ähnliches wie Stickstoff, Kali und Phosphorsäure für die Entwicklung der Pflanzen. Wenn daher durch Kontrollratsbeschluß Deutschlands künftige Stahlkapazität auf 7,5 Millionen Tonnen und die jährliche Erzeugung vorläufig auf 5,7 Millionen Tonnen begrenzt worden ist (auf etwa ein Viertel der Stahlerzeugung von 1937), so sollte damit zwar zweifellos in erster Linie die Entfaltung einer deutschen Rüstungsproduktion ein für allemal verhindert werden. Aber gleichzeitig ist damit ein Urteil über den künftigen Umfang der gesamten Wiederaufbau- und Investitionstätigkeit gesprochen. Denn Stahl ist ein Produktionselement, das in besonderem Maße unersetzlich ist, namentlich da neben der Stahlproduktion auch die Leichtmetallerzeugung gedrosselt bleiben soll. Gewiß, es gibt wohlhabende Länder, die kaum über eine eigene Stahlproduktion verfügen. Aber Stahl ist ja auch für die Intensivierung der Landwirtschaft und für den Aufbau von Exportindustrie unersetzlich, mit deren Hilfe Deutschland allenfalls versuchen könnte, die fehlende Inlanderzeugung durch Stahlimport zu ergänzen.

Es ist ein unglückliches Zusammentreffen, daß Stahl nicht nur ein Rüstungsgut erster Ordnung, sondern gleichzeitig auch ein Friedensgut ist, ohne das sich heute kein Land der Welt und am wenigsten das (nunmehr wirklich übervölkerte) Deutschland heraufzuarbeiten vermag. Aufbau und Funktionieren der Friedenswirtschaft sind allerdings nicht durch die Stahlproduktion allein begrenzt. In derselben Lage, sowohl Rüstungs- wie Friedensgut zu sein, befinden sich die meisten der Industrien, die von den Siegermächten kontingentiert werden. Alle diese Begrenzungen haben einschneidende Bedeutung. Denn der geregelte Gang der Wirtschaft hängt davon ab, daß sämtliche notwendigen Produktionsfaktoren in einer bestimmten Proportion verfügbar sind. Aber der Grad der Unentbehrlichkeit ist doch nicht überall derselbe. Stahl ist deshalb besonders unentbehrlich, weil er erstens technisch nur in verschwindendem Grade durch sog. Austauschstoffe ersetzt werden kann und weil zweitens ein Mangel an Stahl sich nicht etwa nur auf bestimmte Zweige der Wirtschaft auswirkt, sondern wegen der universalen. Verwendung dieses Produkts nach allen Richtungen ausstrahlt.

Das ist der Grund, weswegen eine Stahlrestriktion eine der folgenschwersten Entscheidungen ist, die überhaupt getroffen werden können. Sobald erst einmal die für überschüssig erachteten Hochöfen endgültig abgebrochen wären, könnten spätere Revisionen, die an sich vorgesehen sind, wegen der langen Bauzeit der erforderlichen Anlagen erst nach Jahren die erste Erleichterung bringen. Schleppboote, deren Ausfall im Moment zu großen Störungen führt, lassen sich rasch wieder einschalten. Aber wenn die Stahlkapazität zu niedrig angesetzt wird, so wird damit eine Bremse für die Produktions- und Reparationskraft geschaffen, die weit in die Zukunft wirkt.