Von Eugen Kriszat

Die Ostchinesische Eisenbahn, Ursache mehrfacher blutiger Auseinandersetzungen und fortgesetzter politischer Konflikte, kann heute auf ein fünfzigjähriges Bestehen zurückblicken. Was bedeutete der Welt die Mandschurei vor Abschluß des Vertrages von 1896, der den Russen das Recht gab, quer durch das Land einen Schienenstrang zum Stillen Ozean vorzutreiben? Für den Europäer die Fortsetzung der menschenleeren mongolischen Unendlichkeit; für den Chinesen verbotenes Land, durch die Große Mauer wie durch eine magische Wand getrennt, Privatdomäne der Mandschudynastie, Gebiet der Dämonen und Räuber. Nur der chinesische Kaufmann, der kostbares Pelzwerk, Tigerfelle, die geheimnisvolle Ginsengwurzel und sonstige wunderwirkende Drogen aus dem Chingan-Gebirge und dem Sichota Alin bezog, war genau im Bilde und stets bereit, alle Schauermärchen zu bestätigen, die den Preis seiner Waren erhöhten.

Bereits 1901 konnte der größte Teil der Strecken in Betrieb genommen werden, aber erst nach weiteren drei Baujahren, gebremst durch die jede Arbeit lähmenden, glasharten Frostmonate und mehrfache Pestepidemien, ist die Ostchinesische Eisenbahn bis ins letzte vollendet. Man schuf mehr als ein Verkehrsmittel mit hochmodernen Eisenkonstruktionen, Brücken, Tunnels, festungsartigen Stationsgebäuden, weitläufigen Reparaturwerkstätten – innerhalb der Mandschurei ist ein fast souveräner Staat entstanden, der nach dem Wortlaut des Konzessionsvertrages dem Schienenstrang folgend über 2500 Kilometer lang und 22 Kilometer breit ist. Dieser "Entfremdete Streifen" hatte eigene Gerichtsbarkeit, neue Städte und Siedlungen für die Beamten, eigene Lehranstalten für deren Kinder, Wachregimenter und Industrieanlagen und wurde von der Russisch-Asiatischen Bank, dem Finanzinstitut der Bahn, beherrscht.

Der Kanonendonner des Russisch-Japanischen Krieges bildet das Echo der letzten Hammerschläge zum Bau.

Die Hoffnung der Japaner, daß der gesamte Komplex der Ostchinesischen Eisenbahn ihnen wie eine reife Frucht in den Schoß fallen würde, erfüllt sich keineswegs: sie müssen sich als Siegespreis mit der Teilstrecke Tschangchung–Dairen zufrieden geben. Damit ist der Südarm der neuen Bahn mit dem Endpunkt Dairen, der niemals in den Wintermonaten von Eisbarrieren blockiert wird, vom russischen Verkehrsnetz amputiert. Die neu erworbene Strecke wird unmittelbar nach der Übergabe auf Normalspur umgenagelt und von Japan unter dem Namen "Süd-Mandschurische Eisenbahn" übernommen. Sie kann auf die Erschließung der nördlichen Gebiete keinen maßgebenden Einfluß ausüben, da die Verwaltung der nunmehr zum unversöhnlichen Konkurrenten gewordenen Ostchinesischen Bahn bestrebt ist, alle Frachten aus der Mandschurei über Wladiwostok abfließen zu lassen. Im Gebiet der Südmandschurischen Bahn befinden sich jedoch die unerschöpflichen Kohlenflöze von Fuschun, die Erzbergwerke von Anschan, zukunftreiche Flächen für den Reisanbau. In der Flanke gesichert und vom geschwächten russischen Rivalen ungehindert, kann Japan als unmittelbare Folge des siegreichen Krieges ohne jeden Rechtsgrund die Annextion von Korea 1910 durchführen, dessen reiche Waldgebiete den Streitpunkt des Krieges gegeben hatten.

Während des ersten Weltkrieges spielt die Ostchinesische Eisenbahn als einzige Nachschubmöglichkeit aus eisfreien Häfen eine überragende Rolle; die Aktien der mit französischem Kapital arbeitenden Russisch-Asiatischen Bank bringen unerwarteten Dividendenregen, aber der Zusammenbruch des Zarismus entwertet auch sie über Nacht. Vom Anschluß nach Sibirien abgeschnitten, verkörpert die Bahn noch jahrelang durch ihre Beamten das gestorbene Regime. Die Trümmer der Armeen von Koltschak, Semenoff und Ungarn-Sternberg, eine Hochflut russischer Flüchtlinge findet in ihrem Gebiet zeitweilige Unterkunft, bis der junge Sowjetstaat sich als Rechtsnachfolger meldet. Nach langwierigen Verhandlungen wird zwischen Karachan und der mandschurischen Regierung am 20. Oktober 1924 der Paritätsvertrag unterzeichnet, der die Besitzverhältnisse endgültig regelt. Sowjetrußland und die Mandschurei sollen sowohl in der Verwaltung als auch bei der Verteilung. des Einkommens in gleicher Weise beteiligt sein. Die souveräne Selbstverwaltung der Städte, die Gerichtsbarkeit und Polizeigewalt innerhalb des "Entfremdeten Streifens", der nunmehr "Besonderes Gebiet der drei östlichen Provinzen" heißt, werden von chinesischen Beamten übernommen. Die gesamte Verwaltung wird mit einem Ruck reorganisiert, der träge, unproduktive Rhythmus der vergangenen sechs Jahre wird unter der Leitung des neu ernannten Direktors Emschanoff durch energische Tätigkeit abgelöst.

Der Abschluß des Paritätsvertrages fällt zeitlich, neben dem allgemeinen Aufschwung der Weltwirtschaft, mit einem Ereignis zusammen, das der Mandschurei und der Ostchinesischen Eisenbahn als ihrer Verkehrsschlagader ganz besondere Bedeutung geben sollte – dem lawinenartig ansteigenden Bedarf nach Sojabohnen in der Welt. Jahrhundertelang war diese Frucht in breiten Volkskreisen der außerasiatischen Welt unbekannt. Ihre unzähligen Zuchtarten haben in der Ernährung des Fernen Ostens keine geringere Bedeutung als die Kartoffel bei uns. Eine durch müheloses Preßverfahren aus Soja gewonnene Flüssigkeit ersetzt völlig die in Japan und China fehlende Kuhmilch Tofu, Sojaquark, nennt der Chinese ehrfurchtsvoll "Fleisch ohne Knochen". Bei den Tagesmahlzeiten des Volkes im Fernen Osten ist stets irgendeine Art dieser an Fett und Eiweiß reichen Hülsenfrucht zu finden. Unzählige Kleinbetriebe sind mit der Bearbeitung von Sojaprodukten beschäftigt; es ist darum kein Wunder, daß die unersättliche Weltindustrie ihre Verwendbarkeit für den Großkonsum entdeckte.