In Deutschland sind Schriften des Schweizer Theologen Karl Barth nachgedruckt worden, die den Untertitel führen: Ein Freundeswort von draußen. Barth verließ 1935 Deutschland, wo er als Theologieprofessor tätig war, weil er sich weigerte, den Eid auf Hitler abzulegen. Das gibt ihm das Recht, über Deutschland zu sprechen, und uns die Pflicht, auf seine Worte zu lauschen. Daß er als Freund zu uns spricht, ist uns eine tiefe Befriedigung. Als Freund in der Not tritt uns der Christ entgegen, der sich auch durch Unzulänglichkeiten nicht in seiner Freundschaft beirren läßt.

Im Glauben an die Macht, der das deutsche Volk umfangen hielt, sieht der Theologe Barth die Wurzel unseres Übels. Daß wir uns verblenden ließen, wie der König von Babel, von dem der Prophet Jesaia spricht, hat uns in das Elend hinabgestoßen, in dem wir uns heute befinden. Daß wir an äußere Dinge glaubten und der ewigen Werte vergaßen, hat uns innerlich arm und dann auch äußerlich unglücklich gemacht. Ein wahres Wort! Aber hier kann Hoffnung anknüpfen.

So schwer der wirtschaftliche oder gar der politische Wiederaufstieg auch sein mag, und gerade Karl Barth gibt sich da wenigen Hoffnungen hin, sosehr dürfen wir hoffen, den unvergänglichen Schatz geistiger Werte wieder auszugraben. Wir waren einmal das Volk der Dichter und Denker. Dieses Wort zeigt uns den Weg, auf dem wir Vertrauen und sogar Ansehen in einer vom Kriege verwüsteten, gegen alles Deutsche mißtrauischen Welt zurückgewinnen können. Aber zwei Voraussetzungen sind dazu geboten, und hier liegt auch die Möglichkeit, die sich einem Freunde bieten.

Wir müssen uns verständlich machen können. Wir brauchen einen Mittler, der uns kennt und versteht, der uns zu deuten und zu lehren vermag, damit wir auf schwankem Boden vorsichtig wieder zurückfinden in eine Welt, von der wir uns selbst einst abgeschlossen, ausgeschlossen haben. Wir wollen nicht besser erscheinen, als wir sind, wir wollen das Vergangene nicht leugnen, aber wir suchen die Menschen, die unser ehrliches Bestreben verstehen und würdigen.

Wir brauchen außerdem die Hand des Freundes, das große Beispiel, das Vorbild. Wir, die wir vergeblich versucht, gegen Machtdünkel und Überheblichkeit anzukämpfen, wir sind schwach und hilflos, wenn sich im deutschen Volk nicht die Überzeugung Bahn brechen würde, daß nicht feindliche Macht, sondern das Recht gesiegt hat. Wenn wir in der ganzen Welt immer nur Macht und allein Macht zu sehen wähnen, dann kann sich die innere Umkehr nicht durchsetzen, auf die wir alle Hoffnungen aufbauen müssen. Nichts erschwert unsere Aufgabe mehr, wenn wir zu unserem Volke sprechen und von Freiheit und Recht reden, als die eine Frage: Und die andern?

Nicht daß wir rechten, nicht daß wir vergleichen. Aber wir brauchen die große moralische Stütze des makellosen Vorbildes. Barth selbst hat es klar ausgesprochen, daß "alles darauf ankomme, daß "die Sieger einen praktischen Anschauungsunterricht bieten hinsichtlich dessen, was man außerhalb Deutschlands und besonders im Westen unter Demokratie, Freiheit, Loyalität, Menschlichkeit, Weisheit, Fair play, Savoir vivre und unter männlicher Gerechtigkeit und Festigkeit versteht".

Wenn Karl Barth die ewige Sache der Gerechtigkeit und Menschlichkeit mit dieser Klarheit vertritt, dann tut er für uns mehr, als wenn er sich der deutschen Sache allein annehmen würde.