Daß ein Philosoph zum Tagesgespräch einer Weltstadt, ja, eines ganzen Landes wird, ist selbst in dieser mit Unwahrscheinlichkeiten gesegneten Epoche eine Sensation: Beweist es nicht, vom Portier bis zum Werkmeister, eine Unruhe, die nicht mehr wie vor hundert Jahren mit Häckels Welträtseln und naturwissenschaftlichen Entdeckungen befriedigt werden, sondern etwas Wesentlicheres vom Menschen wissen will, als daß er in der Lage ist, Automobile zu produzieren und Funkwellen in den Weltraum zu senden?

Wir haben auch nach dem ersten Weltkrieg eine Welle der humanitären und religiösen Ideen erlebt, aber nach diesem zweiten hat sich das Bild erstaunlich gewandelt: an die Stelle der Ideen, deren Wirklichkeitskraft schon Nietzsche bezweifelt hatte, ist eine philosophische Ernüchterung getreten: Man will wissen, was in dieser zweifelsüchtigen Welt noch real ist. Doch dieser Realismus ist nicht mehr rein materialistisch: der Materialismus hat ja ebenso gut wie der Idealismus abgewirtschaftet. In dieser Situation schaltet sich in Frankreich ein Denker ein, der eine scheinbar neue Lehre zur Diskussion stellt; sie zeichnet sich durch ihre Überzeugungskraft, ihre Selbstsicherheit und Klarheit aus. Ihr Verfechter ist der Sohn eines ehemaligen Marineoffiziers, der jahrelang Philosophie gelehrt hat, um mit einem Schlage als Bühnendichter ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu treten. Sein Drama "Les mouches", "Die Fliegen", symbolisiert nämlich die Widerstandsbewegung. Frankreich war von je der Seismograph seelischer Erdbeben. Und der augenblickliche Ruhm des ehemaligen Professors Jean Paul Sartre, der die Universität ins Café de Flore verpflanzt hat, klingt für Lehrstühle der Erkenntnistheorie, für die wissenschaftlich soignierte. Fachliteratur verdächtig. Wahrscheinlich hätte die moderne Universität dem herumlungernden Sokrates ebensowenig einen Lehrstuhl angeboten wie Sartre. Sartre hat das Monopol der wissenschaftlichen Integrität durch philosophische Theaterstücke, Novellen und Romane gebrochen. Man denke sich eine "L’huis clos" (Verschlossene Tür), sein letztes Bühnenstück, aus der Feder Kants! Seine "Nausee" (erschienen 1938), der Roman über den Ekel an der Welt, wäre den Gelehrten selbst aus der Feder Dostojewskijs anrüchig. Ist das ein Zeichen methodischer Schwäche? Die europäische Philosophie ist nur epochenweise ex cathedra gelehrt worden. Das gilt für Augustinus so gut wie für Pascal, für Voltaire wie für Sartre – also immer dann, wenn die menschliche Existenz wirklich auf dem Spiel stand. Auch Kierkegaard war kein zünftiger Philosoph, sondern ein verhinderter Schriftsteller. Sartre ist bewußt Schriftsteller. Denn es kommt nicht darauf an, ob die neuen Wahrheiten im Theater, Roman oder in einem dickleibigen Wälzer, wie es Sartres Hauptwerk (L`être et le Neant 1943 bei Gallimard) ist, verkündet wird: entscheidend ist die unerbittliche Stoßkraft, mit der diese seine "grammar of assent" das Diesseits präzisiert – durchaus gallisch im Witz und lateinisch in der methodischen Exaktheit des Denkens. Daß sich dies philosophische Anliegen als eine Art Volksbewegung durchsetzt, umstritten, popularisiert und mißverstanden vom Mann auf der Straße, gehörtzu den Eigentümlichkeiten der Neuzeit: sie glaubt, eine Erkenntnis sei. erst dann. bestätigt, wenn sie von einer breiten Lesermasse geschluckt wird, obschon wir die ersten Anzeichen der Selbsterkenntnis dieses Wahnserleben. Der Erfolg Sartres sagt nichts über Sartre, um so mehr über die seelische Nachkriegsverfassung aus. Anders wäre es nicht zu begreifen, daß sich ein Theaterstück wie "L’huis clos" monatelang auf dem Pariser Spielplan halten kann, wenngleich es, in einige schmackhafte Obszönitäten gekleidet, die seelische Ausweglosigkeit dreier Menschen im Jenseits behandelt. "Nausee" ist das Tagebuch eines Menschen, der sich vom Ekel an einem Steinchen zum Ekel an der ganzen Welt entzündet, um sich in einem erschütternden Dithyrambus zu einer neuen Existenzerfahrung zu steigern. "L’etre et le neant" erörtert auf 700 Seiten die kompliziertesten Fragestellungen, konfrontiert das Sein mit dem Nichts, ringt mit dem Sein wie der Phänomenologe Edmund Husserl mit der Psychologie: das Problem des Nichts, der "mauvaise foi", das "Fürsichsefn" und das "Miteinandersein", die Faktizität des Seins und die Faktizität der Aktion, nämlich die Freiheit, sind die Themen dieses Buches, das, mag es gelungen sein oder nicht, das Denken auf einer objektiven Seinserfahrung basiert, also den völligen Bruch mit allem Subjektivismus vertritt. Das ist eine Wendung im abendländischen Denken, die sich mit der parallelen Entwicklung in der deutschen Philosophie, zumal der Martin Heideggers, deckt: beides Geister von universaler Weite, die sich in einem übernationalen "Discours de la méthode" treffen, nämlich der Methode, die den Denker Descartes selbst überwindet. Das ist nicht eine neue Richtung unter den philosophischen Schulen mehr, sondern die Entthronung des subjektiven Idealismus.