Zwiefach können wir den Mann bewerten, der uns Auge in Auge gegenübertritt: als Feind oder als, Gegner. Die Sprache macht einen feinen Unterschied, der schwer zu fassen ist, weil er im Stimmungsmäßigen wurzelt. So geringfügig dieser Unterschied erscheint, er bedingt die Methode des Kampfes. Der Aufbau eines neuen politischen Lebens in Deutschland hängt davon ab, ob wir in demjenigen, der anders denkt als wir, einen Feind oder einen Gegner sehen.

Wir haben eine Epoche hinter uns, da die Meinung des andern nichts galt, ja da sie fluchwürdig und bestrafenswert erschien. Gewaltsam in Abstimmungen, die 90 oder gar 99 v. H. der Wähler hinter eine "Partei", hinter eine "Weltanschauung" pressen, wurde eine Gleichförmigkeit nicht nur der öffentlichen Meinung, sondern des Denkens überhaupt vorgetäuscht. Eigenartig ist nur, daß heute Jedermann beteuert, damals innerlich nicht zu dieser einen, allumfassenden Beteuerung gestanden zu haben.

Dafür rollt heute eine neue Welle heran, die sich zur Brandungswoge emporzutürmen droht, mächtig genug, das erste keimende Leben einer wahrhaften deutschen Demokratie zu begraben. Birgt die Unduldsamkeit keinen Stachel mehr, weil sie jetzt gegen diejenigen geübt wird, die selbst zwölf Jahre dieser Geißel des Menschengeschlechts gedient? Kann Demokratie ihren hohen ethischen Sinn bewahren, wenn von ihren Wohltaten alle diejenigen ausgeschlossen werden, die sie verachteten, die gegen ihren Geist frevelten und ihre hohen Ideale mit Füßen traten?

Von haßdurchwühltem Schlachtfeld kehrt eine Jugend zurück, die nicht gelehrt worden ist, fremde Meinungen auch nur zu hören, geschweige denn zu achten, zu prüfen und immer daran zu denken, daß wir alle menschlichem Irrtum unterworfen sind. Sie toll sich hineinfinden in ein Gebäude, das groß und licht angelegt ist, errichtet auf dem festen Fundament der Freiheit und Wahrheit Die Demokratie soll uns die Werte geben, die den an der göttlichen Gerechtigkeit Verzweifelnden wieder aufzurichten vermöchten. Diese Demokratie besteht jedoch nicht darin, daß sich viele Parteien bilden, die nun einen rücksichtslosen Kampf gegeneinander führen dürfen, sondern daß aus einer Vielfalt der Ansichten, aus Rede und Gegenrede, aus Meinungsaustausch und Ausgleich eine neue, bessere Einheit geformt wird

Wer diesen Gedanken nicht versteht, für den ist ein Parlament nur eine "Schwatzbude". Was sollte er auch lange reden, wenn er nicht hören will? Kann er vom andern erwarten, daß dieser ihm zuhört, wenn er sich an ihn nicht als an einen Menschen mit anderer Auffassung, als an einen politischen Gegner wendet, sondern in ihm nur den Feind sieht? Da das Wort versagt, müssen Gummiknüttel. Totschläger oder die andern, gemeineren Waffen der Denunziation, der böswilligen Verleumdung und der gewissenlosen, falschen Bezichtigung die Formen des politischen Kampfes bestimmen.

Wir haben die Verrohung des politischen Kampfes nach 1918 mit Schrecken mitgemacht. Sie begann mit dem Aufruf einer Partei: "Nun gilt dem Feinde der Ruf: Daumen ins Auge und Knie auf die Brust." Sie führte zu der Ermordung von Geiseln und politischen Gefangenen, zum Terror der Geheimbünde und politischen Meuchelmorden. Sie führte zu einem Meer von Haß und niederen Leidenschaften, in dem alles versank, was Demokratie bedeutet.

Wir stehen wieder am Beginn. Wir nehmen uns vor, Fehler zu vermeiden, weil wir nicht noch einmal den Leidensweg gehen können, den wir hinter uns haben. Mag sein, daß wir uns selbst vergessen im edlen Eifer, alles auszumerzen, was uns jemals Wieder in das furchtbare Grauen der Menschen-Verachtung und Menschenjagd hineinsteigern könnte. Mag sein, daß manchmal die edle Flamme echter Begeisterung für hohe Ideale in uns aufbricht und uns fortreißt. Es geht heute um mehr. Deswegen ist die Welle neuaufbrandenden Hasses so gefährlich.