"Wir haben", so heißt es in einer Zuschrift, "noch nie so viel von Sozialismus gehört, wie in den letzten zwölf oder fünfzehn Jahren; aber noch nie ist so wenig von einem wahren sozialistischen Geist zu spüren gewesen wie jetzt." Der Anlaß zu solch beredter Klage ist ebenso geringfügig wie charakteristisch. Wieder einmal geht es um die Zwangseinquartierung, um die Hausfrauensorgen am gemeinsamen Herd. Genauer gesagt: um die gemeinsame Küche, denn der Verfasser unserer Zuschrift hat noch das Glück, daß zwei Gasherde in der Küche vorhanden sind, also einer für die eigene Familie, einer für die "Einlieger", jene Familie von Ausgebombten oder vielleicht auch Ostflüchtlingen, über die er Klage zu führen hat. Die monatliche Gasmenge, die jeder Familie "zusteht", kann ihr genau zugemessen werden, da zwei Gasuhren vorhanden’sind.

Nun liegen in unserm Sonderfalle die Dinge so, daß die zwangseinquartierte Familie fast die ganze Woche hindurch auswärts tätig ist, also nur wenig Gas zum Kochen verbraucht. Um aber die ihr zustehende Menge nun auch voll zu "verwerten", um zu verhindern, daß die Familie des Hauswirts – mit ihren drei kleinen Kindern, die da auch noch vorhanden sind – mehr Gas verbraucht, als sie beanspruchen darf, hat die Frau des Zwangsmieters sich das absonderliche Verfahren ausgedacht, daß sie einen großen Topf mit Wasser so lange am Kochen erhält, bis ihr Gaskontingent restlos aufgebraucht ist... Und über diese sinnlose Methode, lieber Gas zu verschwenden als es einzusparen oder es dem bedürftigen Nachbarn zum Verbrauch freizugeben, beklagt sich nun die Zuschrift in bitteren Worten – und das mit Recht.

In jeder Art Rationierung liegt eine psychologische Gefahr, nämlich, daß die zugebilligte Menge nicht als obere Begrenzung des Zugewiesenen aufgefaßt; sondern als "zustehendes" Minimum verstanden und auch dann beansprucht wird, wenn gar kein Bedarf mehr vorhanden ist. So kann die Rationierung, wie überhaupt jede Art von Planungs- und Lenkungswirtschaft zu einem höchst unwirtschaftlichen Über- und Zusatzverbrauch führen, anstatt zu äußerster Sparsamkeit. Ein Heilmittel gegen eine solche mißbräuchliche Umdeutung des bei der Rationierung "Zugewiesenen" in ein zu Beanspruchendes, das auf alle Fälle verbraucht werden muß, gibt es kaum. Es sei denn die Erziehung zu einer wahrhaft genossenschaftlichen Auffassung, die Erziehung im Geist der Nachbarschaftshilfe, bei der sich ein jeder seiner Verantwortung gegenüber seinem "Nächsten" bewußt ist – dies Wort im biblischen Sinne verstanden – und dazu seiner Verantwortung gegenüber dem großen Ganzen, mögen wir es nun Volksgemeinschaft, Nation, Staat oder wie immer nennen.

Es ist deutlich, daß wir heute, trotz aller Bemühungen um ein neues Ideal des nationalen Zusammenlebens im demokratischen Sinne, weiter entfert sind denn je von einer solchen Wandlung und Hinwendung zur sozialen und sozialistischen Gemeinschaft. Not lehrt nicht nur beten, sondern auch stehlen; gemeinsame Not macht nicht nur bescheiden und hilfsbereit, sondern auch raffgierig und neidisch. Der fressende Neid beherrscht heute vielfach das Verhältnis vom Mensch zum Menschen, und das insbesondere da, wo die alten nachbarschaftlichen Bindungen verlorengegangen sind, wo die gegenseitige Kenntnis fehlt, wo wir es nicht mehr mit einem leicht übersehbaren sozialen Gefüge zu tun haben. Wie früher das Nazibraun den allgemeinen Anstrich der menschlichen Beziehungen abgab, so dominiert heute das Gelb des Neides ...

Solche psychologischen Tatsachen haben auch, und gerade, ihre für wirtschaftliche Einrichtungen und wirtschaftliche Zukunftspläne wichtige Seite. Es steht nicht gut um sozialistische Ideen, wenn die Solidarität, der Geist des genossenschaftlichen Zusammenhalts, vom Neid zerfressen wird. Abhilfe kann kaum geschaffen werden, denn jede Erziehung in diesem Sinne ist schwer und langwierig, und außerdem fehlt es an Erziehern; ihre Worte finden auch, vor Hungernden gesprochen, kaum ein Echo. Auf lange Sicht muß es wohl das Ziel sein, die aus jeder Verwurzelung gerissenen, durch alle Teile und Gebiete des alten Reiches hin und her getriebenen Menschen wieder in klare, stetige, übersichtliche Verhältnisse zu bringen: derart, daß jeder wieder seine Nachbarn kennt und sich in einem nachbarschaftlichen Verband (der gelegentlich auch ein Verband der "Betriebskollegenschaft" sein kann) geborgen und gesichert fühlt. G. K.