André Philip, der französische Finanzminister, hat vor wenigen Tagen erneut eine Erhöhung der Ruhrkohlenlieferungen an Frankreich gefordert. Die Menge von 300 000 Tonnen, die jetzt monatlich über die deutsche Westgrenze geht, bezeichnete er als "lächerlich gering". Es sei unzulässig, so fügte er hinzu, daß die französischen Hochöfen wegen Mangels an Koks gedämpft werden müßten, während auf der andern Rheinseite die deutschen Hochöfen mit Ruhrkoks voll arbeiteten.

Die gesamte Ruhrkohlenförderung macht etwa 3 Millionen Tonnen aus, wovon etwa 2 Millionen in der britischen Zone verbraucht werden (einschließlich Zechenselbstverbrauch), währenc der Rest für die von der britischen Militärregierung genehmigte Ausfuhr nach benachbarten Ländern, darunter den drei übrigen Besatzungszonen, zur Verfügung steht. Daß Koks im Überfluß vorhanden sei, oder doch immerhin so ausreichend, um eine volle Beschäftigung der deutschen Hochöfen zu ermöglichen, ist bisher nicht in Erscheinung getreten. Im Gegenteil: Das Erzeugungssoll ist noch längst nicht erreicht. Eine Pressemeldung vom 6. März berichtet: "Durchweg sind die wieder in Betrieb genommenen Werke nur mit einem Bruchteil der Kapazität ausgenutzt. Die Produktion hat nicht so schnell zugenommen, wie es die von der Militärregierung genehmigte Produktionsplanung ursprünglich vorsah. Von 107 000 Tonnen im Dezember konnte die Stahlerzeugung auf 137 000 Tonnen im Januar erhöht werden. Sie blieb damit beträchtlich hinter dem Erzeugungssoll von 200 000 Tonnen zurück. Für den Februar war das Erzeugungsprogramm gleichfalls auf 200 000 Tonnen festgesetzt, aber auch diese Produktion konnte nicht erreicht werden. Die Gründe für das Auseinanderklaffen von tatsächlicher und geplanter Produktion liegen in erster Linie darin, daß den Hüttenwerken nicht genug Koks, Energie oder Ferngas zur Verfügung gestellt werden konnte. Für den laufenden Monat ist nun das Produktionsprogramm auf 150 000 Tonnen herabgesetzt worden.

Während die Kohlenförderung an der Ruhr allmählich auf mehr als 40 Prozent der früheren Fördermengen gesteigert werden konnte, war die Erzeugung der Kokereien im abgelaufenen Jahr noch stark gedrosselt und erreichte im Durchschnitt kaum mehr als 10 Prozent der früheren Normalproduktion. In der letzten Zeit hat nun auch die Koksproduktion eine gewisse Steigerung erfahren. Aber mehr als 20 000 Tonnen Koks täglich dürften von den Ruhrkokereien in der nächster Zeit kaum hergestellt werden. Indessen besteht für die Hüttenwerke noch die Möglichkeit des Rückgriffs auf die beträchtlichen Kokshalden an der Ruhr mit Sri Millionen Tonnen. Es ist zwar noch eine bedeutende Reserve an Koks "auf Halde" vorhanden, aber die Abfuhr von den Halden reicht nicht aus, Weder für die Beschickung der Hochöfen noch für die Ausweitung der Frankreich-Exporte. Und bedenklich ist vor allem, daß die laufende Koksgewinnung immer noch hinter dem Bedarf für Export und Verhüttung zurückbleibt.

Dr. Lehr, der Oberpräsident der Nordrheinprovinz, hat vor kurzem in einem großen Interview die Fragen, um die es hier eigentlich geht, mit aller Klarheit behandelt. "Mit der gegenwärtigen geringen Ausnutzung der bergbaulichen Kapazitäten", so führte er aus, "ist eine Wirtschaft auf die Dauer unmöglich. Das muß zu chaotische! Zuständen führen. Wir sind aber in der Lage, den Alliierten Maßnahmen vorzuschlagen, die jeden Mißbrauch der für Europa so dringend gebrauchten Bergwerksprodukte der Ruhr ausschließt, ohne daß deshalb die Wirtschaft gedrosselt werden muß.

Der hochqualifizierten Arbeiterschaft an Ruhr und Rhein kommt bei der Lösung des ganzen Problems eine hohe Bedeutung zu. Es ist nicht sinnvoll, diese Arbeiter-Intelligenz und diesen Arbeiterwillen ungenutzt zu lassen. Eine international kontrollierte Wirtschaft, die auf vollen Touren läuft, wird den wahren: Zwecken Europas und der Weltwirtschaft mehr entsprechen, als eine in Stücke zerschlagene Restwirtschaft"