In seinem Buch über Amerika erzählt Graf Keyserling, es heiße in Nordamerika, daß ein Bewohner von Missouri "ein Ding erst sehen will, ehe er daran glaubt, und daß er argwöhnisch ist, und was er hat, zusammenhält". An dieses Wort erinnern die Debatten, die zurzeit in den Vereinigten Staaten über die Politik des Präsidenten Truman geführt werden. Er stammt aus dem Staate Missouri, der, um ein weiteres Wort des Grafen Keyserling heranzuziehen, das Grenzland zwischen dem Mittelwesten und dem Süden bildet. Der englische "Economist" brachte vor kurzem einen Scherz, der in Washington umläuft: "Niemand kann dem Präsidenten Truman faires Spiel abstreiten. Er wählt seine Mitarbeiter unparteiisch von Osten und Westen, Osten bis St. Louis und Westen bis Kansas City." Wir brauchen nur einen Blick auf die Karte zu werfen, um die Ironie dieser Bemerkung zu verstehen.

Auch der neueste Mitarbeiter, der neuernannte Innenminister Krug, stammt aus dem Mittelwesten, aus Wisconsin. Von den alten Mitarbeitern des Präsidenten Roosevelt bleibt nur der Handelsminister Henry Wallace im Amt, wenn wir von dem erst sehr spät ernannten Kriegsminister Forestal absehen, und Wallace stammt aus Iowa, also ebenfalls aus dem Mittelwesten. Dabei steht noch nicht fest, ob Truman auf die Dauer mit den beiden übriggebliebenen aus der Zeit seines Vorgängers weiterarbeiten wird.

Bei der überragenden Bedeutung, die die Vereinigten Staaten heute für die gesamte Welt besitzen, drängt sich die Frage auf, welche Auswirkung diese Verlagerung der politischen Führung in das Innere des großen Landes auf die Außenpolitik haben wird.

Um ein besseres Verständnis zu gewinnen, müssen wir ins Jahr 1944 zurückkehren, zur Parteiversammlung der Demokraten in Chikago, auf der die Wahlformel aufgestellt wurde, also die Kandidaten für den Staatspräsidenten wie den Vizepräsidenten benannt wurden. Fest stand damals, daß Roosevelt zum vierten Male sich um das hohe Amt des Staatspräsidenten bewerben würde. Aber wer sollte der Vizepräsident werden? Nach der nordamerikanischen Verfassung tritt er sofort an die Stelle des Präsidenten, wenn dieser stirbt oder an seiner Amtsführung verhindert wird; andernfalls verzehrt er sich als Reservemann in Untätigkeit und Bedeutungslosigkeit, wenn er nicht kraft eigener Persönlichkeit eine Rolle zu spielen vermag.

Damals, im Sommer 1944, ging der Kampf um zwei Kandidaten, um Henry Wallace, der bis dahin Vizepräsident gewesen, oder um Truman. Die beiden Elemente, die die Demokratische Partei bilden, standen sich in diesen beiden Männern gegenüber. Truman war der Vertreter des Südens, Wallace der des Nordens, aber mit diesen geographischen Begriffen wird das Problem nur angedeutet, nicht umrissen.

Die Demokratische Partei stützt sich zuerst und vor allem auf den Süden, also auf alle die Staaten, die auf Grund des Missouri-Kompromisses von 1850 die Sklaverei in ihrer Verfassung festlegten und diese bis zum Bürgerkrieg gegenüber allen Reformversuchen des Nordens verteidigten. Sie führt also die Tradition der alten Politik der Sklavenhalterpartei fort; sie vertritt die Idee der scharfen Trennungslinie zwischen Schwarz und Weiß im öffentlichen Leben des Südens und der möglichst weitreichenden Unabhängigkeit der Bundesstaaten gegenüber der Zentralregierung in Washington.

Gestützt auf den Süden allein könnten jedoch die Demokraten nie hoffen, an die Macht zu kommen. Sie haben sich daher mit den Unzufriedenen des Nordens verbunden; die breiten Einwanderermassen der großen Städte, insbesondere der Hafenstadt Neuyork, und der Landwirtschaft des Mittelwestens, die sich gegen die großen Trusts und das Übergewicht der Industrie auflehnt. Trägt die Demokratische Partei im Süden vielfach aristokratische Züge, so ist sie im Norden Wortführerin der Arbeiterschaft.