In Wilmington im Staate Delaware haben die Krankenschwestern durch einen Streik sich das Recht erkämpft, auch im Dienst den Lippenstift zu gebrauchen.

Wilmington ist sehr weit weg, und ein Lippenstift ist ein sehr kleines Ding. Der Leser, der diese Nachricht liest, wird sich fragen, was ihn das angehe. Aber schließlich, der Mond ist auch sehr weit weg, und wir halten ihn für wert, Gedichte auf ihn zu machen. Und ein Herz ist auch kein so besonders großes Ding, und wie kostbar wird es, wenn es einen etwas angeht. Bevor wir also den Lippenstift von Wilmington in den Ascheneimer der Bedeutungslosigkeit werfen, wollen wir die Frage, was er uns etwa angehen könne, sorgfältig untersuchen Aus der Tatsache, daß die Schwestern streiken mußten, um ihren Lippenstift im Dienst benutzen zu dürfen, können wir zweierlei schließen.

Außer Dienst durften sie ihn offenbar benutzen. Irgend jemand war dagegen, daß er im Dienst benutzt werden dürfe.

Der Lippenstift ist ein Protest gegen die Unvollkommenheit des Daseins. Das Fragezeichen, das der Mensch hinter die Schöpfung setzt, ist mit Tinte in die Bücher und mit Rouge auf die Lippen der Frauen gemalt. Pascal zieht da mit Elisabeth Arden an einem Strick. Frauen wollen sich schöner machen, als sie es von Natur sind. Freilich, es ist eine banale Auffassung, wenn die Männer meinen, daß sie es wären, für die die Frauen sich schön machen. Wenn eine Frau auf einem Atoll strandete, und es wäre ihr nichts geblieben als ihr kosmetisches Köfferchen, sie würde sich für die Kolibris und für die Haifische ebenso schön machen wie für den Ball im Ambassador-Hotel.

Die Krankenschwestern in Wilmington finden also das Dasein ebenso unvollkommen wie die Milliarden anderer Frauen in der Welt, die einen Lippenstift benutzen. Irgend jemand nun erwartete von ihnen, daß sie im Dienst ihren Protest in Rouge aufgeben und den Lippenstift nicht benutzen sollten.

Die Patienten können es nicht gut sein. So einer, der da liegt und die Unvollkommenheit des Daseins an seinem eigenen harten Leberrande abtasten kann, muß er nicht entzückt sein, wenn ein gesundes junges Ding ausdrücklich gegen die Unvollkommenheit protestiert, und das noch mit der überzeugenden Methode, sich so hübsch wie möglich zu machen? Man vergleiche jene tragische Demarkationslinie, die der Professor zur Belehrung der Jünger der Wissenschaft mit dem Hautstift am Leberrande des Patienten entlang auf seinen Bauch gezeichnet hat, mit dem Amorbogen unter Schwester Evelynes Stupsnäschen.

Die Leberlinie, ein Bilanzstrich, unter dem man die Steaks und Wiskys addieren könnte, die der Patient in seinem Leben zuviel geschluckt hat... Der Amorbogen, ein architektonischer Entwurf, den man wahrhaftig als vielversprechend bezeichnen könnte.