Von RICHARD TÜNGEL

Über Städtebau wird viel gesprochen, was Städtebau eigentlich sei, ist weitgehend unbekannt. Viele meinen, er sei ein Mittel, um schönen Baugruppen, Plätzen, Parkanlagen, Denkmälern und Fontänen zur Existenz zu verhelfen. Wer weiter denkt; wird auch Fabriken, Verkehrs- und Hafenanlagen nicht vergessen: als störende Elemente, die man ausklammern muß, sind sie zugelassen, denn in das Kunstwerk, das große architektonische Kunstwerk, der Stadt passen sie nicht hinein. Dies alles sind Mißverständnisse. Städtebau ist keineswegs allein oder in erster Linie eine architektonische Aufgabe: das Kunstwerk einer richtigen Stadtplanung entsteht aus dem gleichberechtigten Zusammenwirken vieler verschiedenartiger Faktoren aus allen Gebieten der Technik und des Lebens.

Die Grundlage bilden statistische Angaben, Pläne beispielsweise über die geologischen Verhältnisse, wobei Baugrund und Be- und Entwässerungsmöglichkeiten eine große Rolle spielen, Zahlennachweise über Bevölkerungsdichte, Verkehr, Handel, Gewerbe und Industrie, Lagepläne, aus denen die Besitzverhältnisse am Grundeigentum, Zahl und Größe der vorhandenen Bauplätze, Grünanlagen, Kanäle, Verkehrseinrichtungen usw. hervorgehen. Kurzum, damit man überhaupt anzufangen vermag, ist eine Bestandsaufnahme alles dessen nötig, was für eine Stadtplanung wichtig sein kann. Hierauf fussend, muß sich der Städtebauer mit der zukünftigen Entwicklung befassen. Er muß mit Hilfe statistischer Angaben und durch lebendige Anteilnahme am Leben der Stadt, durch ständige Fühlung mit den leitenden Männern der Politik, der Behörden, der Wirtschaft, der Berufsverbände, der Wissenschaft und der Kunst versuchen, sich ein Bild zu machen, wie und in welchem Grade das Leben einer Stadt sich entwickeln, stagnieren oder zurückgehen wird. Der Städtebauer muß also ausgehen von dem Vorhandenen und von ihm aus eine Form finden, die zugleich den gegebenen Verhältnissen und den gemutmaßten Bedürfnissen der Zukunft entspricht.

Was ist heute in Deutschland vorhanden? Trümmer. Wovon also muß man bei einer Stadtplanung ausgehen? Von den Trümmern. Diese Feststellung wird erbitterten Widerstand finden. Es gibt so viele, die davon träumen, jetzt, da die Städte zerstört und "ausgelöscht" sind, auf ihrem Boden großzügige Idealplanungen verwirklichen zu können. Jeder reitet da gern sein Steckenpferd: Stadtrandsiedlung, Trabantenstädte, kulturelle "Zellen", Stadtforen, und was dergleichen mehr ist und schon in normalen Zeiten unerschwinglich war. Es ist, als ob die schwindelnden Pläne der Nazizeit noch weiterspukten, und die harte Wirklichkeit nicht begriffen sei.

"Eine Person hat Anspruch auf nicht mehr als 3‚7 qm Wohnfläche" steht in einer Gemeinde vor den Toren Hamburgs mit der Unterschrift des Bürgermeisters angeschlagen. Begreift man, was das heißt? Welches Elend daraus entstehen muß, welcher Streit, welcher Anreiz zum Verbrechen, welche Seuchengefahr? Sieht man ein, wie unmöglich es ist, eine Demokratie zu entwickeln in einem hungernden Volk, bei dem der einzelne weniger Wohnraum beanspruchen darf als ein Sträfling im Zuchthaus? Liegt es nicht auf der Hand, daß Wohnungen gebaut werden müssen, so schnell und so billig wie möglich, daß jede Minute der Verzögerung, jeder falsch ausgegebene Groschen nicht eine Nachlässigkeit oder Dummheit, sondern ein Verbrechen bedeutet?

Wohnungen zu schaffen, daran kann kein Zweifel sein, ist die vordringliche Aufgabe für die nächste Zukunft. Trümmer sind die Grundlage, von der wir ausgehen müssen. Diese beiden Hauptfaktoren bestimmen den deutschen Städtebau der Gegenwart. Unter und zwischen den Trümmern sind Anlagen erhalten, die einen Wert darstellen, den zu vernachlässigen, wir in unserer Armut uns nicht erlauben können: Hafen- und Fernverkehrsanlagen, Bahnhöfe, Hoch- und Untergrundbahnstrecken, Straßenbahnnetze, Industriegrundstücke mit Wasserfront und Anschlußgleisen, städtische Kanalisation, Leitungen für Gas, Wasser, Elektrizität, Telefon, Verkehrsstraßen erster und zweiter Ordnung, Flugfelder und vieles andere mehr. Dieses Kapital darf nicht unbenutzt bleiben, nur weil radikal etwas Neues geplant werden soll.

Das heißt nun nicht, daß das gleiche wieder entstehen muß, das einmal gewesen ist. Im Gegenteil, bei der Benutzung der vorhandenen Anlagen muß man mit der größten Freiheit und Beweglichkeit des Planens verfahren. Man wird damit beginnen, Verkehrspläne aufzustellen, aus denen hervorgeht, welche Hochbahn-, Straßenbahn-, Stadtbahn- oder Vorortbahnstrecken intakt sind oder bald wieder hergestellt werden können. Bei den Bahnhöfen und Haltestellen schreibt man die mögliche Kapazität und die augenblickliche Ausnutzung ein. So sieht man leicht, welche Verkehrspunkte stärker belastet werden können. Liegt ein solcher Punkt, in einem zerstörten Gebiet, und geht aus anderen Plänen hervor, daß Kanalisation und Hauptleitungen dort verhältnismäßig instand und leistungsfähig sind, dann hat man einen Flächenraum festgelegt, indem so schnell wie möglich mit dem Wiederaufbau begönnen werden kann. Es hat keinen Sinn und wäre völlig lächerlich, dann etwa auf "Generalbebauungspläne" zu warten, bevor man anfängt. Solche Pläne können nicht aufgestellt werden, da die "künftige Struktur Deutschlands ganz unübersichtlich ist. Man kann jedoch sofort die Trümmeraufräumung auf das gewählte Gebiet konzentriere. Ohne Rücksicht auf die früher vorhanden gewesene Bebauungsklasse muß so hoch und so dicht gebaut werden, wie es gesunde hygienische Anschauungen und Vorschriften zulassen. In welcher Form dies geschieht, ob in Blöcken, Reihen, oder gar als Hochhaus, darf nur davon abhängen, wie las Ziel, Wohnungen zu schaffen, am schnellsten und besten erreicht wird. Dabei wird man andere Trümmerfelder daneben liegen lassen, um später Grünanlagen, Sportplätze und auch Werkstättengebäude zu errichten. Von einem solchen Punk nun wird man zu einem anderen überspringen, der möglicherweise ganz entfernt liegt, der jedoch gleichgünstige Verhältnisse aufweist. Hier, an Punkt zwei, kann die Trümmerbeseitigung bereits einsetzen, während an Punkt eins gebaut wird. So entstehen ans Verkehrsnetz angeschlossene Inseln mit dichter Bebauung, bei denen die notwendigen Freiflächen später geschaffen werden. Die Konzentration der Bautätigkeit hat dabei den Vorzug, den Einsatz von Baumaschinen zu erleichtern.