Sturm über Picasso

Wohl niemals hat eine Kunstausstellung in London einen solchen Sturm der Empörung hervorgerufen, wie die kürzlich vom französischen Botschafter eröffnete Schau neuester Werke von Matisse und Picasso. Die Bilder von Picasso, die er während der vergangenen Besatzungsjahre in Paris gemalt hatte, waren der Gegenstand des Aufruhrs. Erbitterte Ablehnung einer sogenannten "dekadenten", entstellenden Kunst stand der enthusiastischen Anerkennung von Picassos genialem Werk gegenüber. Dieser Gegensatz der Auffassungen seiner ungewöhnlichen Kunst spiegelt sich deutlich in den verschiedenen Pressestimmen der Londoner Blätter.

Picassos neue Bilder sind wirklich ungewöhnlich, und deshalb stellt Robert Clyde in der "Daily Mail" fest: "Wenn Picasso ein Bild malt, – dann erstarren hundert Leute in Bewunderung und tausend andere reiben sich die Augen und fragen: Was im Himmel soll es denn bedeuten?"

Clyde schildert seine Beobachtungen während der Ausstellung: Ablehnung und Begeisterung, Schreie des Entsetzens und Jubel der Zustimmung. Gutwillige Beobachter, denen das Gebiet der modernen Malerei vertraut ist, reden von der neuen Linien- und Formensprache bei Picasso und dem endgültigen Zusammenbruch der im naturalistischen Sinne gegenständlichen Malerei. Andere sagen: "Wenn ich schon ein Bild mit dem Titel "Dame mit Fisch-Hut" sehe, erwarte ich, wenigstens eine Frau zu erkennen. Das ist aber weder eine Frau noch irgend etwas anderes!"

Solche Einwände sind aber wohl schon sehr alt und überholt. Und der Kritiker des "News Chronicle" trifft das Richtige, wenn er sagte: "Der Aufruhr über diese Bilder kommt heutzutage etwas reichlich spät. Denn es gibt auf der Picasso-Ausstellung weder in der Technik noch in den Motiven etwas, was nicht seit mindestens zwanzig Jahren eine allgemein anerkannte künstlerische Konvention ist." Und er zeigt uns an Beispielen auf, wie zu ihrer Zeit die Werke El Grecos, Holman Hunts und Manets einen Sturm der Ablehnung hervorgerufen haben. Witzigerweise hat aber ausgerechnet die Tochter des englischen Malers Holman Hunt, des vor 35 Jahren verstorbenen Mitbegründers der Präraffaeliten, auf der Ausstellung eine Protestkundgebung durchgeführt.

Diese fünfzigjährige Dame rief die Besucher zusammen und begann ihre Rede mit den Worten:

"Es ist sicherlich höchste Zeit, Protest zu erheben gegen diesen Auswurf, der sich als Kunst tarnt und uns von der anderen Seite des Kanals gebracht wird."

Mrs. Joseph, so heißt die Tochter Holman Hunts, rief auch den Namen ihres Vaters als Zeugnis gegen Picassos Werke auf, die von ihr "Produkte eines kranken Geistes" genannt wurden. Es bleibt dabei offen, welches Kunsturteil die Tochter’eines längst verstorbenen Malers hat, dessen Kunst vor achtzig Jahren gleichfalls revolutionär war.

Sturm über Picasso

Was regt die Beschauer so auf, wenn sie vor Picassos neuesten Bildern stehen?

Daß er alle Konventionen umwirft – nicht nur in den Stilleben, sondern ganz besonders in seinen "Porträts" –, daß er die Fratze unserer Zeit künstlerisch gestaltet.

Picassos Spätwerk ist nur aus seiner bewegten Entwicklung und seinem Verhältnis zu den geistigen Problemen der Gegenwart zu verstehen. Es ist sicherlich ein taktischer Fehler, Picassos neueste Bilder ohne die in der ganzen Welt seit mehr als dreißig Jahren anerkannten Werke seiner Vergangenheit einem unvorbereiteten Publikum zusammenhanglos zu zeigen – wie ein Kritiker in der "Times" richtig feststellt.

Picasso selbst nimmt allen ungerechten Kritiken den Wind aus den Segeln mit seiner Äußerung: "Ich verstehe kein Englisch. Ein englisches Buch ist deshalb für mich ein ungeschriebenes Buch. Das heißt aber nicht, daß die englische Sprache nicht existiert; und warum sollte ich irgend jemand außer mich selbst dafür tadeln, daß ich nicht ver-– stehen kann, wovon ich nichts weiß?"

Der Sturm über die Picasso-Ausstellung im Londoner Victoria- und Albert-Museum war noch nicht abgeflaut, da begann bereits eine neue Kontroverse in der Presse über die Werke Paul Klees, die gegenwärtig in der Nationalgalerie gezeigt werden. Offenbar erregten Klees Bilder aus den letzten dreißig Jahren beim englischen Publikum das gleiche Aufsehen wie Picassos neueste Schöpfungen.

Paul Klee, der gebürtige Schweizer, war zehn Jahre lang Lehrer am Staatlichen Bauhaus in Weimar und Dessau und seit 1931 Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf, bis er von den Nationalsozialisten seines Postens enthoben wurde. Unter Hitlers Kunstdiktatur kehrte er in die Schweiz zurück, wo er während des Krieges starb. Sein Werk bildet einen wesentlichen Bestandteil der europäischen Malerei des zwanzigsten Jahrhunderts. Bedeutende Bilder von Klee wurden im Dritten Reich als "entartete Kunst" ausgestellt. Die geretteten Bilder hängen jetzt zum Teil in ausländischen Galerien.

Wie auch im Falle Picasso zeigt sich in den Besprechungen der Werke von Paul Klee, daß demokratische freie Meinungsäußerung letzten Endes den stärksten Argumenten zum Siege verhilft. Alle Angriffe gegen Klee und die moderne – nachimpressionistische – Malerei überhaupt, werden durch einen Brief des Kunstkritikers Douglas Cooper an den Herausgeber der "Times" entkräftet, in dem er die Bilderstürmer zurechtweist, die Klee und Picasso verbieten möchten. Douglas Cooper skizziert Klees Bedeutung für die Kunst des westlichen Europas und schließt seinen Brief an die "Times" mit den Worten:

Sturm über Picasso

"Wir brauchen gutinformierte, vernünftige Kritiken und nicht die ästhetischen Sanktionen eines Polizeistaates!"

Die Klee-Ausstellung in London ist ein neuer Beweis für die internationalen Beziehungen der modernen Kunst. Als Ausdruck eines im Unbewußten wirkenden Zeitgeistes schafft sich die französische, englische und deutsche Malerei eine Formensprache, die unabhängig von nationalen Grenzen oder unmittelbaren Beziehungen ist. Deshalb kann sich Picassos, Sutherlands und Klees Kunst heute in London ohne Eeindschaft begegnen.

In diesem Zusammenhang ist es nicht uninteressant, sich einer Betrachtung des französischen Dichters Louis Aragon zu erinnern. Aragon – heute in Paris der gefeierte literarische Führer der Resistance – schrieb 1930 über Klee:

"Die Schwere der Deutschen, die Leichtigkeit der Franzosen sind so allgemeine Ausdrücke geworden, so fest eingewurzelt in den Hirnen meines teuren Vaterlandes, daß man es als paradox bezeichnen würde, wenn eines schönen Tages in diesem Lande ein gewissenhafter Kritiker von Klee sprechen wollte...

Es ist in der Tat unmöglich, von dem großen deutschen Maler zu sprechen, ohne seine Leichtigkeit, seine Grazie, seinen Geist, seinen Charme und seine Feinheit zu berühren. Man weiß nicht, was man vorziehen soll, die Delikatesse seiner Aquarelle oder die immer wiederkehrenden neuen Erfindungen auf der Leinwand, auf der sich niemals dasselbe wiederholt. Das alles scheinen den Freunden unserer großen Salons und den Sammlern von Antiquitäten Werke eines Kindes oder eines Verrückten zu sein, denn die Gabe, die die der Dichter ist, alle Grenzen zu überschreiten – Phantasie –, nennt sich heute Kindlichkeit oder Wahnsinn, je nachdem, ob ein Notar oder ein Pferdeknecht sich das Recht, hier zu urteilen, anmaßt."

Im übrigen verbietet Klee uns, darüber zu sprechen. "Diesseitig bin ich gar nicht faßbar", sagt Klee, "denn ich wohne gerade so gut bei den Toten wie bei den Ungeborenen. Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich. Und noch lange nicht nahe genug. Geht Wärme von mir aus? Kühle? Das ist jenseits aller Glut gar nicht zu erörtern. Am fernsten bin ich am frömmsten. Diesseits manchmal etwas schadenfroh. Das sind Nuancen für die eine Sache. Die Pfaffen sind nur nicht fromm genug, um es zu sehen. Und sie nehmen ein klein wenig Ärgernis, die Schriftgelehrten." Hans Theodor Flemming