"Wir brauchen gutinformierte, vernünftige Kritiken und nicht die ästhetischen Sanktionen eines Polizeistaates!"

Die Klee-Ausstellung in London ist ein neuer Beweis für die internationalen Beziehungen der modernen Kunst. Als Ausdruck eines im Unbewußten wirkenden Zeitgeistes schafft sich die französische, englische und deutsche Malerei eine Formensprache, die unabhängig von nationalen Grenzen oder unmittelbaren Beziehungen ist. Deshalb kann sich Picassos, Sutherlands und Klees Kunst heute in London ohne Eeindschaft begegnen.

In diesem Zusammenhang ist es nicht uninteressant, sich einer Betrachtung des französischen Dichters Louis Aragon zu erinnern. Aragon – heute in Paris der gefeierte literarische Führer der Resistance – schrieb 1930 über Klee:

"Die Schwere der Deutschen, die Leichtigkeit der Franzosen sind so allgemeine Ausdrücke geworden, so fest eingewurzelt in den Hirnen meines teuren Vaterlandes, daß man es als paradox bezeichnen würde, wenn eines schönen Tages in diesem Lande ein gewissenhafter Kritiker von Klee sprechen wollte...

Es ist in der Tat unmöglich, von dem großen deutschen Maler zu sprechen, ohne seine Leichtigkeit, seine Grazie, seinen Geist, seinen Charme und seine Feinheit zu berühren. Man weiß nicht, was man vorziehen soll, die Delikatesse seiner Aquarelle oder die immer wiederkehrenden neuen Erfindungen auf der Leinwand, auf der sich niemals dasselbe wiederholt. Das alles scheinen den Freunden unserer großen Salons und den Sammlern von Antiquitäten Werke eines Kindes oder eines Verrückten zu sein, denn die Gabe, die die der Dichter ist, alle Grenzen zu überschreiten – Phantasie –, nennt sich heute Kindlichkeit oder Wahnsinn, je nachdem, ob ein Notar oder ein Pferdeknecht sich das Recht, hier zu urteilen, anmaßt."

Im übrigen verbietet Klee uns, darüber zu sprechen. "Diesseitig bin ich gar nicht faßbar", sagt Klee, "denn ich wohne gerade so gut bei den Toten wie bei den Ungeborenen. Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich. Und noch lange nicht nahe genug. Geht Wärme von mir aus? Kühle? Das ist jenseits aller Glut gar nicht zu erörtern. Am fernsten bin ich am frömmsten. Diesseits manchmal etwas schadenfroh. Das sind Nuancen für die eine Sache. Die Pfaffen sind nur nicht fromm genug, um es zu sehen. Und sie nehmen ein klein wenig Ärgernis, die Schriftgelehrten." Hans Theodor Flemming