Zugelassen oder ausgesperrt?

Von Jan Molitor

Eir schmaler Tisch. Davor stehen, zu Rudeln gebalt, die Einlaßsuchenden, die Wölfe; dahinter sitzen die Wächter mit Bleistiften, spitz wie Lanzen ...

Aber so einfach ist es nicht. Die Eindringlinge sind müde und an Enttäuschungen gewöhnt, sie haben keine rechte Schwungkraft mehr. Die Wächter ihrerseits sind nicht hart, sie haben ein Herz und sind nicht ohne Mitgefühl. Zwar – dem einen komnt ein Zimmer, und sei es auch feucht, kalt und eng, ein Zimmer in einem Hamburger Haus, und sei es auch überfüllt und demoliert, wie ein faszirierender Wunschtraum vor. Aber die andern, die Eingesessenen oder Eingenisteten, sie wohnen schon lange so gedrängt und provisorisch, daß sie es Heinrich Zille verdammt nachfühlen können, der in einer doch so viel glücklicheren Zeit sagte: "Man kann einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einem Beil!" Kurz, dies sind die Fronten. Dies ist die Verfassung, in der sie einanler gegenüberstehen.

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Die Dienstzimmer des Wohnungsamtes waren an diesen Tage überfüllt, als sollte das Wohnungselend Hamburgs schon hier sinnfällig illustriert werden. Nur der Abteilungsleiter hatte einen Amtsraum für sich, aber dieser war so kalt, daß dem "Chef" die Worte aus dem Munde dampften:

"In einen vollen Eimer", sagte er, "geht immer noch einmal ein Tropfen hinein. Und wir tun auch das nenschenmögliche. Doch der Augenblick ist schon abzusehen, wo der Eimer überschwippt..."

"Immer gibt es neue Sorgen", erläuterte der Abteilungsleiter. "Da sind zum Beispiel diejenigen Hamburger, die damals nach der Zerstörung der Stadt, also nach jenen Julitagen 1943, nach Bayern oder Sachsen gebracht wurden. Heute soll Bayern und Sachsen die Ausgewiesenen aus Österreich und der Tschechoslowakei aufnehmen. Wohin nun mit den Hamburger Evakuierten? Nach Hause! Das ist doch klar. Es handelt sich um mehr als 200 000 Personen, die wir damit unterbringen müssen. Sie sehen aber, wie unsere Lokalpolitik in engem Zusammenhang mit den Unterbringungsproblemen nicht nur der britischen, sondern auch der andern Zonen steht, ja wie die Schwierigkeiten Hamburgs in diesem Punkt eigentlich nur ein Teil jener Sorgen sind, mit denen sich mehr oder weniger alle deutschen Städte herumschlagen müssen. Wie – wir es im einzelnen machen? Leider müssen wir den meisten Leuten, die nach Hamburg kommen, sagen: ‚Nein! Stop! Zugesperrt!‘ Aber Leute aus den sogenannten Mangelberufen lassen wir herein. Einzelne, zum Beispiel Boots- und Schiffsbauer, dürfen sogar ein oder zwei Personen, Frau und Kind, mitbringen. – So, Sie finden, dies seien sehr nüchterne, merkantile Erwägungen, zu nüchtern, zu merkantil vielleicht? Sollten wir wirklich einen kaufmännischen Angestellten in die Stadt lassen, damit er die Tausende von arbeitslosen kaufmännischen Angestellten noch um einen weiteren vermehrte? Was hätten wir, was hätte er davon? Aber das tun wir: wir nehmen alleinstehende Jugendliche unter 18 Jahren auf. Dies mögen Sie, wenn Sie wollen, als einen karitativen oder menschlichfürsorglichen Zug unserer Lokalpolitik von heute nehmen."

Zugelassen oder ausgesperrt?

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Hier ein etwa 50jähriger Mann mit tiefen Entbehrungsfalten um den Mund: "Ich bin vor drei Monaten aus der russischen Zone gekommen. Ich war in S., das ist ein kleines Dorf. Der Bürgermeister gab mir Lebensmittelkarten für zwei Tage und sagte: ,Weitergehen!‘ Ich ging nach O., das ist wohl eine ziemlich große Stadt. Sie steckten mich in einen Bunker, gaben mir schließlich Lebensmittelkarten für vier Tage und sagten: ,Weitergehen! Ich höre immer ‚Weitergehen! Nicht stehenbleiben!’ Bin ich in einer Stadt, so sagen sie: ‚Gehen Sie aufs Land, dort ist so viel Raum.‘ Und manche reden auch von Kartoffeln. Komm’ ich aufs Dorf, so sagen sie: ‚Gehen Sie in die Stadt, Dort sind so viele Häuser..." Ich bin seit drei Monaten auf der Walze. Ich bin allein. Aber vor mir und hinter mir geht eine unsichtbare Prozession von Leuten, denen es genau so ergeht wie mir, alte Leute, junge Leute, Frauen, Mädchen."

"Sind Sie vielleicht ein ,Mangelberuf‘? Zum Beispiel Maurer?"

Der graue Mann schüttelte den Kopf. Er hat ein Buch gelesen, das heißt "Traven – Ein Totenschiff" und handelt von einem Seemann, der seine Papiere und sein Vaterland damit verlor, und den bloß ein Schiff noch anheuerte: ein ramponiertes, ausgedientes Schiff, das Fahrten nur noch machen durfte mit dem einen Ziel: unterzugehen.

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Hier eine 40jährige Frau, ärmlich gekleidet, ein bäuerliches Kopftuch um das früh ergraute Haar: "Ich bin Hamburgerin und möchte wieder zu Hause wohnen."

"Wo wohnen Sie?"

Zugelassen oder ausgesperrt?

Die Frau zuckt die Schultern. Kurzes Schweigen. "Ich bin aus der russischen Zone gekommen. Aber ich bin Hamburgerin. Hier geboren."

"Welches Lager haben Sie durchlaufen, als Sie aus der russischen Zone kamen?"

"Goslar."

"Warum wollen Sie nicht sagen, wo Sie in Hamburg wohnen?"

"Ich wohne auf einem Kahn. Üble Zustände. Es geht so nicht weiter."

"Wann haben Sie zuletzt in Hamburg gelebt?"

Die Frau weist auf ihre Papiere: "Ich bin im August 1939 nach Prenzlau gezogen. Ich hatte mich dorthin verheiratet."

Zugelassen oder ausgesperrt?

"Wo lebt Ihr Mann?"

Achselzucken. Dann als Antwort die Frage: "Ob er wohl noch lebt, mein Mann?"

"Sie können nicht in Hamburg bleiben. Sie sind zu früh weggegangen damals. Sie gingen im August. Aber der 1. September 1939 ist der Stichtag."

Die Frau, den Tränen nahe, wehrt sich: "Wo ist da der Unterschied? Doch nur ein paar Tage! Und ich bin doch Hamburgerin, hier getauft und aufgewachsen!"

"Wo wurden Sie von Goslar aus eingewiesen?"

"In die Gegend von Uelzen!"

Der Beamte mit der Stimme eines Arztes, der in einem unabänderlichen Fall trösten möchte und doch sachlich bleiben muß: "Sie müssen dorthin, zurück. Ich habe meine Vorschriften. Hamburg ist gesperrt. Oder – sind Sie ein ,Mangelberuf‘...?" Der feine Herr in dem pompösen Pelzmantel und Velourshut, der vor dem Tisch des Beamten steht und zerkniffte Papiere aus einer picknoblen Brieftasche zieht, wird nach ein paar Worten so zuvorkommend und glatt bedient, daß einer im zerschlissenen Übergangsmantel, der hinter ihm in der Schlange daran kommt, halblaut murmelt: "Ja, die feinen Herren..." Aber das ist ein Irrtum. Es handelt sich zwar um einen Diplomingenieur, aber die Verhältnisse liegen anders.

Zugelassen oder ausgesperrt?

"Ich bin Automechaniker", sagt der Doktor. Hier ist die Bestätigung aus der Werkstatt, wo ich als Geselle arbeite. Hier ist die Bescheinigung vom Arbeitsamt über die Zuzugsbefürwortung Mangelberuf, Sie wissen schon. Ich komme aus einem holsteinischen Dorf. Hier der Schein über die Genehmigung zum Wohnungswechsel, ausgestellt vom zuständigen holsteinischen Kreiswohnungsamt. Fehlt noch etwas?"

Als die Tür hinter ihm zuklappt, mit einem kleinen, leisen, energischen Ruck, fliegt es über die Mienen der wartenden sich zu den Tischen der Beamten drängenden Männer, als hätte ein Zuruf sie getroffen. Ein Zuruf der Ermunterung.