Es ist kein Zweifel, daß in heutigen Tagen der Aberglaube umgeht wie noch nie. Die Zukunftsdeuter haben hohe Zeit. Auch wird gegenwärtig mächtig mit den Kettenbriefen gerasselt. Denn wieder ist der "flandrische Hauptmann" auf den Plan getreten – behüte, kein belgischer, "kein wallonischer, nun eben ein flandrischer –, der es sich, wie er es seit Jahrzehnten gewohnt" ist, auch diesmal in den Kopf gesetzt hat, seine "Glückskette" dreimal um die Welt gehen zu lassen. Dreimal um die Welt! – Was das heute, zur Zeit der Postsperre und des Mangels an Transportmitteln, bedeutet, hat der wackere flandrische Hauptmann wohl nicht bedacht. Oder sollte er an seiner "Glückskette" nur demonstrieren wollen, wie schwer es das Glück hat, heutzutage um die Welt zu gehen, und dies gleich dreimal hintereinander?

Daran ist aber wohl auch kein Zweifel, daß einer, der morgens beim Posteingang feststellt, daß er von der Glückskette erwischt worden ist, zunächst einmal erschrickt. Er liest das flandrische Kommando, daß dieser Brief viermal abzuschreiben und binnen 24 Stunden an vier Personen zu senden ist, denen man Glück wünscht. Und nicht jeder hat den Mut, den Brief in den Ofen zu werfen, weil die sanfte Glücksbotschaft immerhin mit einigen Drohungen gepfeffert ist. Darum gehen solche Menschen, in deren Seele der Aberglaube mit Pfiffigkeit gemischt ist, hin und senden die abgeschriebenen Briefe an vier Personen, denen sie – wie es das flandrische Gesetz befiehlt – zwar Glück (denn man soll ja grundsätzlich jeden Nächsten lieben), aber auch ein bißchen Plackerei wünschen, und sie genießen den Gedanken, daß sie andern jenen Ärger bereiten können, der ihnen selbst bereitet wurde. Es empfiehlt sich aber dabei, einen fingierten Absender auf den Glückskettenbriefumschlag zu schreiben, damit der Empfänger sich nicht in gleicher Weise räche und nicht die Kette sozusagen zum Bumerang werde. – Übrigens dürfte klar sein, daß im Falle des Kettenbriefverkehrs eine menschliche Eigenschaft viel Gutes stiftet, die man sonst zu den schlechten Eigenschaften zählt, nämlich die Faulheit. Wäre die Faulheit nicht ebenso wie der Aberglaube im Innern der Seele verwurzelt, so wäre es heute schon längst so weit, daß die Kettenbriefe, die sich nach dem Gesetz ihrer Art innerhalb von einem Tage um ein Vierfaches vermehren, die weltbeherrschenden Postsendungen von heute wären. Die Postboten, die heute schon schwer an den Kettenbriefen tragen, wären längst zusammengebrochen unter der Last, und die Welt wäre längst erstickt unter dem Wust des Glücks.