Mit überwältigender Mehrheit hat sich das argentinische Volk bei den Präsidentschaftswahlen vom 24. Februar für den Oberst Peron entschieden. Von den 158 Sitzen des Abgeordnetenhauses wird er voraussichtlich 100, von den 30 Senatssitzen 28 erhalten. Sein Gegenkandidat konnte keine Provinz für sich gewinnen. Die endgültigen Zahlen sind noch nicht veröffentlicht worden, da die Auszählung nur langsam durchgeführt wird. Da die ausländische Presse einstimmig die Wahlen als die ruhigsten und saubersten der argentiniscben Geschichte überhaupt bezeichnete, werden wir in ihnen eine klare, eindeutige Willenskundgebung sehen dürfen.

Sie mag für viele überraschend gekommen sein. Ihre wahre Bedeutung wird vielfach unter falschen Einstellungen mißverstanden. Dabei ergibt sich die Haltung Argentiniens notwendig aus der Entwicklung der letzten Jahre.

Die Militärerhebung des 4. Juni 1943 beendete einen Zustand des öffentlichen Lebens, der noch auf überholten Voraussetzungen des vergangenen Jahrhunderts aufbaute, auf der Herrschaft von Parteien, die keinen Rückhalt mehr im Volke fan-Nationalismus wurde lange zurückgedämmt durch die Parteien, die aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen nach dem Auslande ausgerichtet sind, Da steht an der Spitze die Radikale Partei, gebildet aus dem Mittelstand und den Ackerbauern der reiben Provinz Buenos Aires. Sie glaubt, daß ein Fortschritt Argentiniens nur durch große ausländische Geldhilfe. durch den engen Zusammenhang mit dem gesamten amerikanischen Erdteil und die poetische Unterstützung aller freiheitlich gesinnten Nationen möglich sei. Im ersten Weltkrieg waren die Radikalen gegen den Eintritt in den Krieg, im letzten Kriege jedoch standen die eifrigsten Befürworten eines Vorgehens gegen die Achsenmächte im Lager der Radikalen.

Die Konservativen, in Argentinien die Nationaldenokraten genannt, hatten die entgegengesetzte Schwenkung vollzogen. Sie stellen die Partei der Großgrundbesitzeraristokratie, der Viehzüchter im Gegensatz zu den Ackerbauern, der alteingesessener Familien dar, wozu noch eine starke Betonung der Sonderrechte der Provinzen des Westens, also des Inneren des Erdteils, hinzutritt. Da England der entscheidende Abnehmer der argentinischen Fleischausfuhr ist, wird die durch den gesamten Lebenszuschnitt bestehende Neigung nach Großbritannien noch wirtschaftlich stark unterstrichen. Da die Vereinigten Staaten aus innenpolitischen Rücksichten die argentinische Fleischeinfuhr nach USA mit allen Mitteln, darunter einer überstrengen gesundheitsamtlichen Kontrolle, unterbinden, ist die an sich sehen bestehende Spannung besonders unterstrichen. Im ersten Weltkrieg waren die Konservativen mit Rücksicht auf England für den Eintritt in den Kieg, im zweiten aus Gründen der Gegnerschaft gegen die nordamerikanischen wirtschaftlichen Bestrebungen dagegen.

Neben diesen beiden größten Parteien, von deren früher die Radikalen rund 60 v. H., die Konservativen 25 v.H. der Wählerschaft hinter sich wußten, weisen nur noch die Sozialisten eine gewisse parlamentarische Stärke auf. Sie verfügten über rund 10 v. H. der Stimmen, aber diese geballt in der Hauptstadt Buenos Aires und den angrenzender Städten, die zum Wohngebiet von Buenos Aires hinzugehören, aber politisch zur Provinz Buenos Aires rechnen, aus der die Stadt aus politischen Gründen herausgeschält worden ist. Insbesondere galt die neu aufgeblühte Industriestadt Avellaneda als stärkstes Bollwerk der Sozialisten. Die Nationalisten spielten zahlenmäßig kaum eine Bedeutung und erreichten nur wenige Prozent der Wahlstimmen.

Der 4. Juni 1943 hat diese Lage völlig geändert, weil zum ersten Male über die Parteien hinweg das Volk zu Worte kam, das durch die nationalistische argentinische Schule hindurchgelaufen war. Der Main, der die Erhebung vom 4. Juni leitete, General Rawson. hat kaum diese Entwicklung gewollt Er trat für den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu den Achsenmächten ein und ist auch späterhin eng mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika verbanden gewesen. Er hat sich allerdings auch nur einen Tag im Amt halten können. Dann fegte die von ihm selbst heraufbeschworene nationalistische Welle ihn weg, Der Mann, der sich zum Sprecher der Nation aufwarf, war der Oberst Peron, damals Chef des Stabes der 3. Division, das geistige Haupt der Offiziersvereinigung G. O. U. (Grupo de Officiales Unidos).

Dieser Geheimbund hatte aus den Offizieren einen geschlossenen politischen Körper zu bilden verstanden, der sich nun die hohe Aufgabe setzte, die nationalen Gesichtspunkte Argentiniens frei von jedem auswärtigen Druck durchzusetzen. Der Druck blieb nicht aus, jedenfalls sahen die Männer des 4. Juni ihn in den Rundfunksendungen aus dem benachbarten Uruguay, in den amtlichen Erklärungen aus Washington und in den Beschlüssen des Interamerikanischen Verteidigungsausschusses in Montevideo. Wenn diese Formen der Beeinflussung die Absicht hatten, die innen- oder außenpolitische Haltung der neuen Regierung in Argentinien umzugestalten. so haben sie nur äußerliche Erfolge erzielt, Gewiß hat Argentinien im Januar 1944 die diplomatischen Beziehungen zu den Achsenmächten abgebrochen und im März 1945 noch den Krieg an Deutschland erklärt, um so die Voraussetzungen für die Teilnahme an der Konferenz von San Franzisko zu erfüllen.