Von KARL LERBS

Als Acacia, der schöne schlanke Schimmel, seinen besiegten kaiserlichen Herrn von der Walstatt bei Waterloo und La Belle Alliance hinwegtrug, voll edler Anmut und federnder Kraft noch nach der Mühsal der Schlacht und auf der Flucht durch die blutigen Fetzen und Trümmer der großen Armee, lag der Unteroffizier Pierre B. – seinen vollen Namen meldet kein Chronist – schwer verwundet am Boden. Eine Kanonenkugel hatte ihm das rechte Bein zerschmettert, und er meinte nichts anderes mehr, als daß sein Leben aus dem blutigen Stumpf unabdämmbar in die flandrische Erde versickerte. So war, was er durch den kreisenden Nebel der halben Ohnmacht gewahrte, wie eine Erscheinung: der mit Kot und Blut bespritzte Schimmel, der so kühn und sicher durch das Gewirr der Rückzugstraßen seinen Weg fand; auf seinem Rücken der kleine Mann im geöffneten Mantel und grünen Rock – der gefürchtete, gehaßte, angebetete, geliebte kleine Mann mit dem schwarzen Dreispitz und dem graugelben Gesicht, in dem jetzt die übermüdeten und entzündeten Augen wie zwei düsterrote Flammen brannten Der Kaiser sah den Verwundeten nicht, aber das Pferd stutzte und stieg anmutig und achtsam über ihn hinweg.

Zwei Jahrzehnte danach hatte der Invalide Pierre B., ehemals Unteroffizier in der napoleonischen Armee, der sich in seinem Heimatdorf bei Vire mit gnädiger obrigkeitlicher Permission sein Brot als Musikant in Schenken und bei festlichen Veranstaltungen verdiente, zum zweiten Male eine seltsame Erscheinung. Als er aus einem Hause trat, wo er bei einer Hochzeit zum Tanz aufgespielt hatte, sah er einen Reitknecht daherkommen, der einen Schimmel am Zügel führte. Dem stelzfüßigen, gichtverkrümmten, graubärtigen alten Soldaten entfiel die Fiedel, er stand und starrte mit weitaufgerissenen Augen und stockendem Atem, noch ungläubig. Aber der Zweifel schwand: er kannte diesen edel geschnittenen schmalen Kopf, die Strähne dunklen Haares in der langen weißen Mähne, er kannte Blick, Haltung und Schritt, die sich noch im Alter etwas vom Glanz der stolzen und freien Anmut bewahrt hatten. Das alles war untilgbar eingebrannt in seinem Gedächtnis. Er stürzte auf die Straße hinaus, er umschlang den Hals des Pferdes, er stammelte abgerissene Worte und ließ seine Tränen in die weiße Mähne tropfen. Er durfte sich von nun an den Schimmel Acacia aus dem Stall holen, wann immer ihn seine Musikantenpflicht über Land führte oder er festliche Aufzüge fiedelnd anzuführen hatte.

Nun begann für den Mann wie für das Tier ein neues, eigentlich ein zweites Leben, im wärmenden Glanz eines Glückes, das doch nur ein später und ein wenig gespenstischer Abglanz einer toten Vergangenheit war: denn der alte Soldat überwand bald die Scheu, mit der er zuerst den Rücken des Schimmels bestieg, der einst seinen Kaiser getragen hatte; und er saß trotz Gicht und Stelzfuß stolz und fest im Sattel, in einer Haltung, die, ihm selbst ganz unbewußt, einen großen Toten rührend und unbeholfen nachahmte.

So wären vielleicht Mann und Roß, die nur an solchen Feiertagen wahrhaft lebten, in glücklicher Gemeinsamkeit ihren unmerklich abwärts geneigten Weg bis zum friedlichen Ende gegangen. Das Schicksal hatte es aber so beschlossen, daß sie noch einmal die Spanne zwischen einem ins Höchste aufschwingenden Traum und einem jähen Absturz durchmessen sollten, bevor sie sich zur Großen Armee der Schatten gesellen durften.

Als nämlich der alte Herr, der jetzt Acacias Besitzer war, starb, fand sich im Testament die Bestimmung, daß der ehemalige Unteroffizier Pierre B., in seiner alten Uniform und auf Acacia reitend, den Leichenzug anführen und die Marschweisen des kaiserlichen Heeres spielen solle. Er stand, klirrende Medaillen auf bedeutsam vorgewölbter Brust, in strammer Haltung vor dem erlauchten Kreise verblichener Exzellenzen in verblichenen Uniformen mit vergessenen gleißenden Ordenssternen; sein Kopf glühte und schwindelte von Stolz und Wein (denn es war befohlen worden, ihn durch einen kräftigen Trunk anzufeuern); er bestieg den von schwarzem Flor umwehten Schimmel und spielte die blutaufjagende Weise wie nie zuvor. Das ging zuerst gar stattlich und schön; bald aber sahen die hinter dem Sarge Schreitenden mit Befremden, daß Acacia mit immer rascherem und strafferem Taktschritt den geigenden Reiter vom Zuge hinweg auf einen unvorhergesehenen Weg entführte. Der alte Invalide bemerkte es nicht, und ihn erreichte kein Zuruf mehr. Er spielte sich, Gegenwart und Zukunft vergessend, den Schimmel seines Kaisers reitend, in einen rauschhaft schwebenden Traum von der Vergangenheit hinein. Der Schimmel Acacia bemerkte es nicht. Er schritt, des führenden Zügels längst entwöhnt, getragen vom stählern hämmernden Tanztakt, dahin wie einst auf den harten Wegen in eine unterjochte Welt. Dies währte, bis er auf schmalem Höhenpfad, am Rande eines jähen Felshanges, über einen Stein stolperte, aufschreckend ausglitt und mit seinem Reiter auf prasselndem Geröll in das tosende Wildwasser einer tiefen Schlucht stürzte.