Dieser Tage ist aus Paris die Nachricht zu uns gekommen, daß es gelungen ist, den Rundfunkhut zu konstruieren. Der Rundfunkhut ist eine Schöpfung des Modekünstlers Pascal Lorriau und gestattet den Damen, weithin unterwegs zu sein, ohne daß sie des Rundfunks entraten müßten. Der Hut birgt nämlich einen winzigen Empfänger, und die schwippe Feder, die ihm kokett aufgesetzt ist, dient nicht allein zur Zier, sie ist die Antenne. Es ist bedauerlich, daß in der Nachricht aus Paris sonst nichts gesagt ist über Technik und Konstruktion des Hutes, aber auch ohnedies sollte sie uns veranlassen, einen Augenblick in den Geschäften des Tages innezuhalten und auf bescheidene Weise unsere eigenen Gedanken dazu zu denken.

Wir sind, was die Damenhüte angeht, an Überraschungen gewöhnt, denn der Damenhut war von jeher das Hätschelkind der Mode. Wie an nichts anderem ließ sie an ihm den Reichtum ihrer Er findung aus und überschüttete ihn aus dem ewigen Füllhorn ihrer Phantasie mit dem Zauberwerk schwärmerischer Einfälle. Nicht umsonst! Denn vom Hut bis zum Gesicht darunter ist nur ein Blick, und ein Hut, der Aufmerksamkeit erregt, lenkt das Auge auch auf den Kopf, der ihn trägt. So gesehen, darf man vom Frauenhut, wenn auch mit einiger Einschränkung, sagen, daß er am reinsten den letzten Sinn der Mode ausdrückt, Ermunterung zur Liebe zu sein.

Es hat Perioden gegeben, in denen die Mode ihr liebstes Kind mit Blumen und Federn, Bändern, Schleifen und Agraffen so üppig und verschwenderisch ausstattete, daß kaum noch etwas von einem Hut da war, alles war Zier. Die Frauenhüte waren lyrische Gebilde, und wenn man von ihnen sagte, sie seien ein Gedicht, so war es höchstes Lob. Als die Zeiten vorbei waren, in denen die Literatur die Sensation des Tages war, als sich der Sinn und das Verständnis der Welt für das Technische und seine Romantik mehrten, nahm der Damenhut eine Wendung ins Formale. Er sah nun aus, als sei er einem Lehrbuch der Raumlehre entnommen und auf dem Reißbrett der Ingenieure entworfen, und erinnerte an geglückte geometrische Aufgaben. ("An eine Halbkugel ist mit einer Neigung von 30 Grad gegen die Senkrechte tangential eine Ebene zu legen; auf der Ebene ist ein Zylinder zu errichten, dessen Achse um 20 Grad gegen dieselbe geneigt ist.") Selbst langjährige Mathematikprofessoren fühlten sich von ihnen angesprochen.

Nun aber, da die unerhörten Fortschritte der Technik die Aufmerksamkeit der Männer fesseln, tut die Mode ein übriges. Sie verbündet sich mit der Technik selbst und konstruiert den Rundfunkhut. Man darf sagen, daß die Mode hier etwas geschaffen hat, was – abgesehen vielleicht von den Spieldosen, die die Rokokodamen in der Frisur trugen – durchaus neu ist, soweit man auch in die Jahrhunderte zurückblickt: einen Hut, der nicht nur aufsehen, sondern auch aufhorchen läßt. Die Mode hat erkannt, daß der auf vielfältige Weise beschäftigte und abgelenkte Mann unserer Zeit oft nur abwesenden Blickes einhergeht. Da dürfte ihm auch ein Frauenhut nicht ohne weiteres auffallen, wieviel Mühe auch auf ihn gewandt wurde. Ein Hut aber, aus welchem dem Mann der Walzer aus dem "Rosenkavalier" oder das Intermezzo sinfonico aus "Cavalleria rusticana" entgegenklingt, ein tönender Hut läßt ihn aufmerken. Er betrachtet den Hut und er betrachtet die Dame, die ihn trägt.

Vielleicht aber gibt es Männer, die die Beachtung, die der Rundfunkhut auf sich lenken möchte, für übertrieben halten. Indessen sollten sie nicht übersehen, daß hier die Mode im Verein mit der Technik auf dem Wege ist, geradezu revolutionierend auf einem Gebiete einzugreifen, auf dem sie bislang kaum etwas bedeutete. Der Rundfunkhut nämlich ist geeignet, einem Manne Hilfe da zu geben, wo er bisher auf das eigene betörende Wort angewiesen war. Man weiß, daß es nicht jedermanns Stärke ist, betörende Worte zu finden, und es ist damit zu rechnen, dato es mit dieser Kunst weiter bergab geht in einer Zeit, die von den Anforderungen des Alltags stark beansprucht ist. In der Tat, es mag immer schwieriger werden, aus der kalten, strengen Bestimmtheit der Tage zu jener weichen, sanften abendlichen Stimmung hinzufinden, die der Liebe so förderlich ist. Die Amseln, die ihre kleine Melodie der Sehnsucht in die Dämmerung flöten, und die Nachtigallen, die ihr Lied von brennender Liebe sich aus dem Herzen schluchzen, reichen nun vielleicht nicht mehr aus, daß eines Mannes Seele sich löst und ihm Worte zu sagen eingibt, die ein Mädchenherz ihm zärtlich geneigt macht.

Aber nun schaltet das Mädchen den Hut ein, den Rundfunkhut, den es trägt. Das Gespräch über die Lage auf dem schwarzen Markt und die Verkehrsnot in den Straßenbahnen verstummt, und Edvard Griegs "Amor und Psyche" erklingt leise oder die Barcarole aus "Hoffmanns Erzählungen": "Süße Nacht, du Liebesnacht." Das übrige findet sich, denn schon oft war Musik die große Verführerin.

Oh, Herr Pascal Lorriau ist klug, ein Freund der Menschen, der weiß, was ihnen not tut. "Verführer ward der Hut, und der ihn schuf; an jenem Abend hörten wir nicht weiter..." Tyll