Seit Monaten steht die Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten im Zeichen der Lohnforderungen der organisierten Arbeiterschaft. Das Einkommensniveau, wie es die Arbeiterschaft im Kriege durch die allgemein üblichen Überstunden erzielen konnte, soll nach der Rückkehr zur 40-Stunden-Woche behauptet werden. Diese grundsätzliche Forderung läuft auf eine Erhöhung der Stundenlöhne um mindestens 15 bis 20 Prozent hinaus. Wenn diese weitgehende Forderung gerade jetzt mit dem Nachdruck umfassender Streiks gestellt wird, so spielt dabei nicht zuletzt die taktische Überlegung mit, daß der Industrie entscheidend daran gelegen sein muß, die große einmalige Chance des gewaltigen ungedeckten Nachholbedarfs so vollständig wie möglich auszunutzen, und daß das Angebot an Arbeitskräften für die nächste Zeit noch begrenzt ist, solange die Demobilisierung der über die ganze Welt zerstreuten amerikanischen Streitkräfte noch nicht abgeschlossen ist.

Die amerikanische Regierung hat sich in diesem Streit um die Heraufsetzung des Lohnniveaus zunächst auf den Standpunkt gestellt, daß die großen technischen Fortschritte, wie sie die Industrie während des Krieges im Zeichen der Vollbeschäftigung machen konnte und wie sie nicht zuletzt in hohen Gewinnen zum Ausdruck kamen, im allgemeinen einen genügenden Spielraum zur Bewilligung der Lohnforderungen gewähren dürften. Für diese Haltung war maßgebend, daß man befürchtete, bei einem Verzicht auf die Politik der Preisstabilität rasch in einen inflationistischen Preisauftrieb mit dem unvermeidlichen Rückschlag hineinzumischen.

Bei dieser offiziellen Einstellung gegenüber den Lohnforderungen wurde allerdings nicht immer genügend berücksichtigt, daß die Rationalisierungserfolge des Krieges im allgemeinen bei ganz anders gearteten Produktionsprozessen erzielt wurden, als sie jetzt für die Friedenswirtschaft in Frage kommen. Ehe auch für die umgestellte Produktion die volle, auf Grund der jüngsten technischen Fortschritte erzielbare Produktivität der Arbeit verwirklicht werden kann, muß einige Zeit vergehen, während der die erhöhten Lohnforderungen praktisch in den meisten Fällen zu roten Zahlen in den Industriebilanzen führen müssen. Diese Zusammenhänge haben jetzt die Regierung erstmals, und zwar in einem entscheidenden Punkt, gezwungen, den Grundsatz der Preisstabilität zu durchbrechen: Der Streik der Stahlarbeiter ließ sich, wenn man die Arbeiterforderungen im wesentlichen bewilligen wollte, nur beilegen, indem gleichzeitig der Industrie eine Erhöhung der Stahlpreise um 5 Doll, je Tonne bewilligt wurde. Der neue Leiter des Amtes für wirtschaftliche Stabilisierung, Chester Bowles, hat zwar erklärt, daß er nach wie vor am Grundsatz der Preisstabilität festhalten wolle und daß der Preisspiegel durch die jetzigen Zugeständnisse nur eine "Ausbeulung", aber keinen Bruch erfahren habe. Es kann aber, keinem Zweifel unterliegen, daß die höheren Stahlpreise ihrerseits zu Preiserhöhungen in einer Fülle anderer Wirtschaftszweige führen werden und daß man auch bei andern Lohnstreitigkeiten, seitdem das Prinzip einmal durchbrochen ist, zu dem Ausweg greifen wird, die Preise den erhöhten Produktionskosten anzupassen. Es wird unter diesen Umständen nicht leicht sein, die bekannte Spiralwirkung zwischen Löhnen und Preisen aufzufangen, zumal wenn, wie "Financial Times" schreibt, die Situation in den Vereinigten Staaten auch sonst explosiv genug bleibt. Denn die Tendenz zu einem allgemeinen Preisauftrieb wird außer von den Lohnforderungen noch genährt von der aufgestauten inneren Nachfrage, die ihrerseits auf eine aufgestaute Kaufkraft zurückgreifen kann, von der starken Nachfrage an den Weltmärkten, insbesondere bei den Nahrungsmitteln, schließlich auch von der anhaltenden, erst jetzt gedämmten Hausse an den Börsen, die, wie Bowles zum Ausdruck brachte, ein "spekulatives Fieber" aufweisen, das an die Zustände von 1929 erinnert.

Die Wirtschaftspolitik der USA steht hier an einem Scheidewege. Gesteht sie der Industrie keinen preispolitischen Ausgleich für die Lohnerhöhungen zu, soweit er kostenmäßig erforderlich ist, so müssen über kurz oder lang der Unternehmungswille und die Investitionsbereitschaft allgemein zum Erlahmen kommen. Dann sind Rückschläge unvermeidlich, wie man sie seinerzeit als Folge der Lohnzugeständnisse des New Deal erlebte. Lockert man dagegen die Preisschranken, so ist nicht abzusehen, ob es ein Halt auf dem Wege zur Inflation und zum Boom gibt. Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, daß der Kongreß, dem sonst die Beseitigung der Schranken, die die Kriegswirtschaft der freien Unternehmerinitiative gesetzt hat, nicht schnell genug gehen kann, durchaus geneigt ist, an der staatlichen Preiskontrolle wenigstens grundsätzlich festzuhalten.

Die politische und wirtschaftliche Führung der Verenigten Staaten steht hier vor einer Entscheidung von ganz besonderer Verantwortung, denn die wirtschafts- und preispolitische Zukunftsentwicklung der Vereinigten Staaten berührt keineswegs nur das Land selbst, sondern praktisch die gesamte Welt. Das Ziel der Vollbeschäftigung, wie es sich heute alle Nationen gesetzt haben, ist aufs schwerste gefährdet, wenn es in den Vereinigten Staaten, als dem heute größten und wichtigsten Wirtschaftsblock der Welt, zu einem konjunkturellen Rückschlag kommt. Vor allem aber hat der Mechanismus von Bretton Wood alle Währungs- und Wirtschaftssysteme der Welt praktisch an den Dollarstandard gebunden. Seitdem einmal die maßgebenden Währungen der Welt durch dieses Abkommen in eine feste Relation zum Dollar gebracht worden sind, die sie aus eigenem Entschluß nur in ganz engen Grenzen (10 Prozent) variieren können, kommt alles darauf an, daß die Preis- und Kaufkraftparitäten mit diesen festliegenden Wechselkursen einigermaßen in Übereinstimmung bleiben. Kommt es dagegen in den USA zu einem ungehemmten Preisauftrieb, so wird entweder über den Mechanismus von Bretton Woods auch die ganze übrige Welt in diesen gefährlichen Inflationszyklus hineingerissen, oder es ergeben sich Spannungen im Gefüge der Wechselkurse, die letztens das mit so viel Mühe errichtete System sprengen müssen. In jedem Falle wäre damit das heute von allen Nationen angestrebte Ziel einer wiedergesundeten Weltwirtschaft in Frage gestellt. Auch Deutschland kann aus seiner Lage heraus nur das eine Interesse haben, daß die Wirtschaft der Welt zu Ordnung und Zusammenarbeit zurückfindet und nicht in streng abgeschlossene Blöcke zerfällt, zwischen denen wir in unserer heutigen Lage nur zerrieben würden. Deutschland würde stets das erste Opfer jeder Spannung und Störung im weltwirtschaftlichen Gefüge sein. Wir können so nur hoffen, daß es der wirtschaftspolitischen Führung der USA gelingt, ihren ehrlichen Willen zur Preisstabilität gegenüber allen den drängenden Kräften, die diese Politik heute gefährden, durchzusetzen. K–er.