Abends im Bett verlangt das Leben nicht mehr von mir, daß ich erwachsen bin. Ich gebe mir Mühe, nicht in Tränen auszubrechen, ich murmele vor mich hin: "Ich will nach Hause!"

Nach Hause – nach Hause – und ich denke darüber nach, was das ist: "nach Hause" zu wollen. Mein Elternhaus ist in der Nähe von Bremen – das gibt es nicht mehr. Auch das Haus meiner Großmutter mit dem Blumengarten und dem mächtigen Nußbaum gleich links – das gibt es nicht mehr.

Ich will nach Hause! Ich will nach Berlin! Versucht nicht, mich zu trösten, indem ihr sagt, Berlin sei von jeher so häßlich gewesen und so parvenühaft! Es ist mir keinerlei Trost, für mich ist Berlin die Stadt der Liebe und der Arbeit. Ich habe es durch ein Vierteljahrhundert Straße um Straße für mich entdeckt. In der Derfflinger habe ich angefangen. Gegenüber ist eine Pumpe, und an der Pumpe saß ich mit Reinhard Göring, er erzählte mir von seinem Mazdasnan und schälte sich Nüsse. Diese stillen, baumbestandenen Sackgassen im alten Westen – erinnert ihr euch? Die Buchenstraße und der tiefe sommerliche Schatten und die Vögel? Es war gar nicht in einer Großstadt, obwohl nicht hundert Schritte davon der Nollendorfplatz ist.

Das ist für mich immer so schön in Berlin gewesen. Du konntest dein Leben führen. Keine Stadt läßt dich so zufrieden – weil die Karrees nicht den insularen Charakter haben wie etwa in London oder Paris. Warum sollen wir vergleichen. Berlin ist einmalig. Am Kanal, drüben an der anderen Seite der Corneliusbrücke, steht meine Flora. Sie hat um sich einen winzigen Dreiecksplatz voll von Gebüschen, und die vorderen am Kanal tauchen ihre Zweige ein und spiegeln sich. Flora zu Füßen sitzt ein grauer Frosch aus Stein, der glotzt dich vorwurfsvoll an.

Ich habe Heimweh nach der frierenden Flora, und ich möchte wieder auf der Bank zu ihren Füßen sitzen und über den Kanal gucken. Auf dem trüben Wasser schwammen die Enten, und ich habe damals – in den Jahren der Schande – ein Feuilleton geschrieben: Herbst am Landwehrkanal. Aber braune Enten waren "unerwünscht", und gegen den Strom zu schwimmen war verboten, selbst wenn sie in der Spiegelung einer Bogenlampe unter das Dickicht herunterhängender Kastanienzweige dahinglitten.

Im April dieses Jahres sind zwanzig Jahre vergangen, seitdem ich mit einem dicken Herzen, dem rosa Luftballon am Nollendorfplatz nicht unähnlich, zum Bahnhof Zoo ging, um dich abzuholen. Ich hatte am Nollendorfplatz einen Strauß Veilchen gekauft und fuhr damit zum Zoo. Der Bahnhof war damals noch über der Erde – ich wartete, immer bemüht, meine wildledernen Handschuhe nicht naß zu machen mit den Blumen. Und dann kamst du!

Alle Liebesgeschichten von Berlin fangen am Zoo an. Sie machen dann viele Umwege, sie schaukeln sich im Lunapark und fahren Kahn in frühen Morgenstunden auf dem Neuen See. Sie haben Vorliebe für lange Telephonate bei Miericke in der Frühstücksstube, wo es Knäckebrot mit Gurkenscheibchen gab für sehr zarte und ätherische Gemüter, und sie hatten ihre unübersehbaren Fortsetzungen unter der Normaluhr oder bei den Elefanten!