In Hamburg läuft eine Denkschrift um, die in höchst eindringlicher Form einen völligen Umbau der ländlichen Besitz- und Betriebsverfassung vorschlägt. Der Verfasser ist von Hause aus Techniker, hat sich aber in einer dicht vor den Toren der Stadt gelegenen Vorortgemeinde seit einer Reihe von Jahren als Besitzer eines etwa 30 Morgen großen Landgutes einen gewissen Ruf als erfolgreicher Betriebsleiter geschaffen.

Nicht weniger als drei Fünftel des landwirtschaftlich genutzten Bodens in den drei westlichen Besatzungszonen sollen nach diesem Plan in "Kleinsthöfe" mit einer Fläche von jeweils 6 Morgen aufgeteilt werden. Das bedeutet ein Programm der Innenkolonisation, wie es in solch radikaler Form kaum je vorgetragen worden ist. Außer fünf Millionen Zwergbetrieben sollen aber noch "Größthöfe" als "Ernährungsfabriken" mit etwa je 4000 Morgen Fläche geschaffen werden, auf denen die modernsten technischen Mittel einzusetzen sind. Die Unterbringung der Ostflüchtlinge und der im industriellen Bereich nicht mehr voll zu beschäftigenden Menschenmassen sowie die Notwendigkeit einer möglichst billigen Lebensmittelproduktion sollen eine Lösung dieser Art erfordern.

Ein derartiger Umbau der Betriebsstruktur könne, so heißt es in der Denkschrift, ohne Zwangsenteignung von Bauern möglich sein: "Genug Landwirte werden in ihrer Existenznot sich früh genug ganz von selbst zum Kleinsthofbesitzer wandeln und das übrige Land verkaufen wollen."

Versuchen wir, diese Vorschläge an Hand der Gegebenheiten unserer gesamtwirtschaftlichen Lage zu prüfen, so bietet sich als Ausgangspunkt die Aufgabe des Lastenausgleichs an. Damit stehen wir sofort auf festem Boden, während alle Überlegungen über das sogenannte Betriebsgrößenproblem, über die Möglichkeiten einer intensivsten Bodennutzung im Zwergbetrieb, im Gutsbetrieb und in der bäuerlichen Wirtschaft, zu einer Rechnung mit gar zu vielen Unbekannten führen würden.

Man wird also davon auszugehen haben, daß alle landwirtschaftlichen Betriebe unter einem erheblichen finanziellen Druck stehen werden, und weiter davon, daß den Bombengeschädigten und aus ihrem Besitz Verdrängten gewisse – wenn auch notgedrungen beschränkte – Wiedergutmachungsansprüche zugebilligt sind. Von dieser Seite her wird demnach in dem bescheidenen Rahmen, der unserer umfassenden Verarmung entspricht, ein Neuaufbau von ländlichen Existenzen möglich sein. Das heißt also: ein Teil des landwirtschaftlichen Bodens wird aus der Hand der bisherigen Besitzer, meist wohl über irgendwelche öffentlich-rechtlichen Siedlungsträger, an Bauern, Landarbeiter und Klein- – Siedler übergehen.

Eine ganz einfache Überlegung zeigt, daß es sich hierbei nicht um "großzügige" Siedlungsaktionen mit Millionen-Zahlen neuzuschaffender Stellen handeln kann. Der Preis einer noch so kleinen Eigensiedlung mit Gebäuden und hochwertigem Inventarbesitz wird immer mehrere tausend Mark betragen – Friedensmark wohlgemerkt! Kaum einer der Siedlungsanwärter verfügt über eine solch hohe Summe; es gibt auch keine Stelle, die ihm den Betrag schenken oder vorstrecken könnte. – Um die Problematik der Wertbemessung in "gültiger", voll-kaufkraftfähiger Währung (für die hier der Begriff "Friedensmark" gebraucht wurde) zu vermeiden, kann man dasselbe auch anders ausdrücken. Nämlich so: die Volkswirtschaft ist zu arm an Sachgütern, als daß sie in absehbarer Zeit schon viele Tausende oder gar Millionen von Kleinstsiedlungen mit all dem lebendigen und toten Inventar ausstatten könnte, das technisch erforderlich ist, um den Besitzern einen Ausgleich für die aufgewandte Arbeit zu sichern. Es fehlen die notwendigen Mengen an Dung und Kunstdünger, um – in ganz großem Stile – gewöhnliches Ackerland in höchst ertragreiches Gartenland umzuwandeln.

Mit "großzügigen" Programmen und Forderungen ist uns also auch auf diesem Gebiet nicht gedient. Richtig aber ist, daß keine Art der Bodenkultur so hohe Roh- und Reinerträge liefern kann wie eine intensive Gartenbauwirtschaft in der Hand eines virtuosen Könners. Dort, wo das Wissen und Können sich nicht über den guten Durchschnitt erhebt, muß schon sehr viel Passion und zugleich ein ausgeprägtes Maß an Arbeitszähigkeit vorhanden sein, damit auch in dieser Betriebsform, die durchaus nicht jeder Laie meistern kann, befriedigende Ergebnisse erreicht werden. Die Möglichkeit einer ausreichenden Düngung, also die Kunst des Kompostierens, wird sicherlich in vielen Fällen für den Ertrag der gärtnerischen Kleinstsiedlung und damit für die Existenz des Siedlers entscheidend sein.