Nach zwölf Jahren einer stupiden, von Grund auf reaktionären Kulturpolitik ist überall eine gesunde Begierde wachgeworden – zumal unter der Jugend –, die Werke jener Meister zu sehen, die so lange verfemt waren.

Die Overbeck-Gesellschaft in Lübeck zeigt eine erste moderne Ausstellung nach der Befreiung von der Nazidiktatur unter dem Titel "Die Kunst der letzten dreißig Jahre". Es handelt sich um Plastik und Malerei aus Museums- und Privatbesitz. Glücklicher als die meisten größeren Städte hat Lübeck sich die Bestände der Plastik sowohl als auch der Graphik einschließlich der angeblich "entarteten" Meister in seiner öffentlichen Kunstsammlung zu erhalten verstanden. Neben Bildern des Norwegers Edvard Munch und köstlichen Blumenstücken von Emil Nolde ist eine überlebensgroße Skulptur von Ernst Barlach einer der bedeutendsten Anziehungspunkte. Dieser "Singende Klosterschüler" (Abb.) gehört zu dem vom Künstler begonnenen Zyklus überlebensgroßer Klinkerfiguren, die als eine "Gemeinschaft der Heiligen" – Typen der ringenden, leidenden und Gott suchenden Menschheit – den Schmuck der gotischen Kirchenfassade von St. Katharinen bilden sollten. Ein verständnisloses Kunstbanausentum hat die Durchführung des Planes verhindert, doch hat jetzt ein Beschluß des Lübecker Senats die Anbringung der drei fertiggestellten Figuren an seinem Bestimmungsort verfügt. Es besteht der Plan, die Reihe durch den Bildhauer Gerhard Marcks fortsetzen zu lassen, der soeben einen Ruf als Lehrer an der Landeskunstschule Hamburg angenommen hat. Auch von seiner Kunst zeigt die Lübecker Ausstellung einige hervorragende Beispiele (Abb.). H.