Von GERD BUCERIUS

Kein Krieg hat jemals solche Wunden zurückgelassen wie der vergangene. Sein Ende fand viele Millionen Menschen als Soldaten oder Zwangsarbeiter fern ihrer Heimat, alle Industrien der Erde in Werkzeuge der Zerstörung verwandelt, die Landwirtschaft Europas vernichtet, die der überseeischen Gebiete gedrosselt. Und doch schien es uns nach dem Zusammenbruch, als ob über diesen Verwüstungen einer versunkenen Weltwirtschaft schon bald neues, wenn auch bescheidenes Leben wachsen könnte. Die Erwartung stetiger Besserung gab allen Kraft, die trotzdem schweren Entbehrungen zu ertragen.

Jetzt müssen wir mit Erschrecken sehen, daß die aufgewühlten Gewalten noch keineswegs beruhigt sind. Wetterkatastrophen, die trotz ihrer Ausmaße früher nur zu einer mäßigen Steigerung der internationalen Getreidepreise geführt hätten, bedrohen heute das Leben von Millionen. Indien, dicht bevölkert, war immer ein Sorgenkind. Deutschland ohne Außenhandel und ohne Handelsflotte leidet besonders unter der Abtretung des landwirtschaftlichen Ostens, wo uns zugleich mit dem Siedlungsgebiet für acht Millionen erhebliche Überschüsse an Kartoffeln und Getreide für die verbliebenen deutschen Gebiete verlorengegangen sind.

Wir wollen nicht über die Ursachen dieses neuen Zusammenbruches rechten: dem verzweifelt Hungernden hilft es nicht, wenn man ihm seine eigene und ausschließliche Schuld an der Katastrophe nachweist. Heute müssen wir uns darüber klar werden, welche Maßnahmen der äußerste Ernst der Lage gebietet.

Mit einer wirklich ins Gewicht fallenden Verbesserung der Nahrungsdecke ist vorläufig nicht zu rechnen; das hat die internationale Diskussion der letzten Wochen klargestellt. Alles, was wir vielleicht hoffen können, ist, daß bei fortdauernder, vor allem englischer, Hilfe die jetzigen Rationen nicht noch weiter vermindert werden müssen, was noch keineswegs sichergestellt erscheint: 30 000 Tonnen Getreide müssen aus England allein für den Bedarf Hamburg-Schleswig-Holsteins auch jetzt noch in jedem Monat eingeführt werden. Der Sommer wird mit der neuen Ernte und dem in diesem Jahr zu erwartenden besseren Gemüseanfall wesentliche Erleichterungen, der späte Winter und das nächste Frühjahr aber wieder eine der jetzigen ähnliche Lage bringen. Erst dann – bleibt uns der Frieden, erhalten – können wir mit größerer Sicherheit auf eine wirklich ausreichende Ernährung unseres Volkes, rechnen.

Diese Katastrophe trifft einen stark geschwächten Volkskörper. Die Entziehung hochwertiger Nahrungsmittel begann schon 1933; sie wurde im und nach dem Kriege äußerst kritisch. Nach so vielen Jahren verdeckten Mangels muß der letzte harte Schlag um so schlimmer wirken. Die widerstandsfähigen jungen Jahrgänge hat zudem der Krieg bis auf das äußerste gelichtet: gesunde Männer der Jahrgänge 1910 bis 1925 gibt es fast nicht mehr. Es sind die älteren, anfälligeren Menschen, die den neuen Stoß auszuhalten haben. Die Landbevölkerung wird weniger leiden als die Städter, die schon dem entnervenden Luftkrieg ausgesetzt waren. Nun sollen aber gerade die industrietragenden Städte in zukünftigen Jahren – durch Austausch ihrer Produkte gegen Lebensmittel des Auslandes – die Nahrung sichern, die der uns verbliebene Boden auch bei bester Ausnutzung und bescheidensten Ansprüchen nun einmal nicht zu geben vermag. Was können wir aber von den Städten erwarten, deren Jugend, vernichtet und deren ältere Jahrgänge durch Hunger zermürbt sind? Wie die Kraft unseres Volkes zum Wiederaufbau in zukünftigen Tagen trotz der unabänderlich scheinenden Nahrungslage vor dem äußersten bewahrt werden kann, das ist das Problem der Stunde. Es gibt kein ernsteres!

Geringe Nahrung bedeutet verminderte Arbeitsfähigkeit. Verlangt man von dem unterernährten Körper für längere Zeit unveränderte Leistung, so zerstört man seine Substanz. Deshalb werden wesentliche Kürzungen der täglichen Arbeitszeit (bei Lang- und Schwerarbeitern ohne Entzug der Zusatzkarten) erwogen und wohl in Kürze beschlossen. Wird diese Maßnahme genügen, um das stark gefährdete Gleichgewicht im Kräftehaushalt wiederherzustellen?