Am Anfang einer jeden Aufbauwirtschaft stellt die Stahlproduktion. Um sie geht gegenwärtig der Streit.

Was der totale Krieg von den westdeutschen Stahlwerken verschont hat, ist jetzt in Gefahr, ab Rüstungsbasis verdächtigt und auf ein Mindestmaß beschnitten zu werden. Wir wissen, daß dabei die atlantischen Mächte noch relativ großzügige Vorstellungen von der Stahlbasis einer lebensfähigen deutschen Friedenswirtschaft haben. Die uns zugebilligte Jahresquote von 5.8 Mill. t trägt alle Merkmale eines unbefriedigenden Kompromisses. Wird es möglich sein, bei einer so weitgehenden Produktionsdrosselung auch nur annähernd das Ziel der Vollbeschäftigung für die Ruhrindustrie zu erreichen? Werden wir, importabhängig wie das übervölkerte Restdeutschland nun einmal ist, auf einer so schmalen unteren Produktionsstufe jemals eines aktionsfähige Exportindustrie wieder entwickeln können? Für jeden, der die unlösliche Verbundenheit der deutschen Wirtschaft mit der des Kontinents kennt, verbirgt sich hinter diesen Fragen eines der großen Existenzprobleme unserer Gegenwart.

Die Frage nach dem Schicksal des westdeutschen Reviers hat auch eine politische Seite. Der Vorschlag auf Internationalisierung, also Loslösung dieses Industrieraumes aus dem Zonengebilde, wird von dem französischen Nachbarn, soweit sie nicht rein wirtschaftliche Motive anklingen lassen, derart, daß Ruhrkoks und Lothringer Minette zusammengebracht werden müßten, mit dem Verlangen nach Sicherheit begründet. Zwischen der unerbittlichen Alternative – Reduzierung der noch vorhandenen Produktionsanlagen oder territoriale Ablösung des schwerindustriellen Ruhrblocks – steht ein Plan, der wohl nicht zufällig auf neutralem Boden, in der eidgenössischen Schweiz, zuerst aufgetaucht ist.

Es ist der Ruf nach einer Internationalisierung der umstrittenen Ruhrindustrie durch das Mittel der finanziellen Kontrolle. Auf dem Wege einer überstaatlich gedachten Holding soll das Kardinalproblem des Einbaues der westdeutschen Basisindustrien in eine zugleich internationale Friedenswirtschaft angefaßt werden. Alle Abnehmer- und Anrainerländer hätten dann Gelegenheit, sich finanziell an diesem Experiment zu beteiligen, das übrigens in der luxemburgischen ARBED einen Vorläufer hat.

Der Einwand, daß hier ein politisches Problem auf die kommerzielle Ebene verlagert und auf eine "finanzkapitalistische" Manier bewältigt werden soll, liegt zwar nahe, trifft indes nicht den Kern der Sache. Nach dem ersten Weltkrieg kamen in Deutschland und anderswo gemischtwirtschaftliche Unternehmungen auf, in denen in gleicher Weise Länder, Gemeinden und private Unternehmer ihre Interessen zu verwirklichen bestrebt waren. Eine internationale Ruhr-Holding würde das Beispiel jener Jahre auf der überstaatlichen Ebene wiederholen. Da die Mehrzahl der Partner, zu denen Regierungen und Unternehmungen in gleicher Weite zu rechnen sind. Abnehmer der Ruhrproduktion in dieser oder jener Form sein werden, könnte es sich bei einer solchen Interessengleichheit um ein Bündnis auf Gegenseitigkeit handeln,

Der Plan enthält noch viel Zukunftsmusik, aber er ist schon deshalb bemerkenswert, weil er diesseits und jenseits des Atlantiks gegenwärtig in Fachkreisen diskutiert wird und weil er einen dritten Weg anzeigt, der an den Klippen der einseitigen Vorschläge unserer östlichen und westlichen Nachbarn vorbeiführen würde. Htmr.