Am 14. Januar 1928 wurde der Bankier Marius Bertall aus dem Gefängnis entlassen. Sein Prozeß, der zwei Jahre vorher mit seiner Verurteilung wegen Depotunterschlagung und betrügerischen Bankrotts geendet hatte und als "Affaire Bertall" durch alle Zeitungen gegangen war, schien dem Gedächtnis der Pariser bereits entfallen zu sein: niemand erinnerte sich des verflossenen Bertall, als ein neuer Bertall in einer billigen Nebenstraße bescheidene Lokalitäten mietete und ein Finanzierungsbüro von unbestimmter Art eröffnete. Und kaum jemand beachtete die amtliche Notiz von drei Zeilen, die wenige Tage später hier und da abgedruckt wurde, daß eine gewisse Simonetta Bertall, geborene Andreoli, bei der Polizei als vermißt gemeldet worden sei.

Die Anfänge von Simonetta Andreoli sind unklar wie ihr Ende. Wahrscheinlich in Turin von einer französischen Mutter geboren, kam sie achtzehnjährig nach Paris, um Malerin zu werden. Offenbar ein Verlegenheitsentschluß, denn sie besaß nicht das mindeste Talent zur Malerei. Es sei wünschenswert, durch eine Beschäftigung dem Leben einen festeren Rahmen zu geben, pflegte sie zu sagen. Ein kleines, angeblich von ihrer Tante ererbtes Vermögen gestattete ihr, sich sorgfältig und gut zu kleiden. Die jungen Leute, die mit ihr zusammen zeichneten und malten, hofften einer nach dem andern auf ein leichtes Abenteuer und wurden sämtlich enttäuscht. Man hielt sie für eingebildet, kalt oder prüde, weil sie für die weibliche Mode der damaligen Nachkriegsjahre, sich den Männern an den Hals zu werfen, um sodann Schlecht behandelt zu werden, nur ein leichtes Achselzucken übrig hatte.

Mit zwanzig Jahren lernte sie auf einem Künstlerfest den Bankier Marius Bertall kennen. Sie sah mit Erstaunen, daß dieser kahlköpfige Koloß mit dem Nacken eines Stiers und den Händen eines Spielers sich auffallend Mühe um sie gab; es amüsierte-sie und dann gefiel es ihr. Als Sie zu ihm von Picasso sprach, kam es heraus, daß er den Namen nie gehört hatte. Seine Geschäfte hätten ihm, Gott sei Dank, keine Zeit gelassen, sich mit Larifari abzugeben. Dagegen schien er in der Politik außerordentlich zu Hause zu sein und nannte ihr schlankweg bei jedem vom Metier die Summe, für die er käuflich war. Daß er selbst vom Lande stamme und als Bauernjunge Mist gekarrt habe, erzählte er Simonetta dreimal. Sie lächelte dazu und empfand bei seinen Worten eine gewisse frauliche Rührung.

Wenn Marius Bertall immer noch wie ein Pferdeknecht sein Essen hinunterschlang und wegen lächerlicher Summen mit Kellnern Krach schlug, so traute Simonetta sich zu, ihm solche Atavismen seiner Herkunft in Bälde abzugewöhnen. Nach Art aller Geschäftemacher hatte er eine Neigung zu vorübergehender Sentimentalität, wobei er es bis zu Tränen brachte und sich alsdann mit seinem guten Herzen entschuldigte. Er war der erste seines Typs, dem Simonetta begegnete; einen zweiten oder dritten hätte sie durchschaut und abgelehnt. Wenige Wochen später verlobte sie sich mit ihm.

In der Malschule ging bald das Gerücht, die Andreoli habe einen steinreichen Rasta aus Brasilien geheiratet. Solch eine Gemeinheit sähe ihr ähnlich – erklärten einstimmig jene jungen Leute, die ihre Arien vergeblich vor Simonetta gesungen hatten. Zugleich aber versuchten sie einer nach dem andern, durch Simonettas Fürsprache in Bertall einen Mäzen zu finden. Die Fürsprache blieb aus, • doch Bertall kaufte aus Laune oder weil er glaubte,

Simonetta eine Freude zu machen, immerhin ein rundes Dutzend ziemlich wertloser Bilder. Marius konnte sich totlachen über die Kunstgespriche dieser "verrückten Pintscher", machte sie betrunken und warf sie, wenn am Telephon ein Geschäft in Sicht kam, kurzerhand zur Tür hinaus.

Marius Bertalls Geschäfte wuchsen in einem unheimlichen Tempo. Man wußte nicht, wo er mehr engagiert war: in der Filmproduktion, bei der Kunstseide oder im Radiobau. Seine Verdienste um die Hebung der Landwirtschaft verschiedener Balkanstaaten durch Kunstdüngerlieferungen wurden offiziell anerkannt; man las mehrfach von Ordensverleihungen und sah ihn Arm in Arm mit in- und ausländischen Würdenträgern durch die Wandelgänge der Kammer ziehen. Zu Hause bei Tisch pflegte er sie eine gesellschaftliche Abart von Vorstadt-Apachen zu nennen – besser im Dreß, aber auch zehnmal gefährlicher. Wenn er gewahr wurde, was sehr selten geschah, daß Simonettas Augen erschreckt ins Leere irrten, brach er mit einem verlegenen Lachen kurz ab.