Der Sicherheitsrat der UNO, der kommende Woche in Neuyork zusammentritt, hat auf der Tagesordnung als Hauptpunkt die Organisation einer intern?tionalen Streitmacht stehen, neben den anderen Fragen, die sich aus der weltpolitischen Entwicklung Rußlands, Persiens und der Türkei ergeben. Bei den Verhandlungen in San Franzisko ist oft gesagt worden, der alte Völkerbund habe nur deshalb versagt, weil der moralische und wirtschaftliche Druck, den er ausüben konnte, nicht ausgereicht habe. Daran ist sehr viel Wahrheit. Wir brauchen nur an die erste größere Probe des Völkerbundes zu denken, der Besetzung der Mandschurei, die jetzt wieder im Vordergrund des Interesses steht. In der Nacht vom 18 auf den 19. September 1931 erschienen japanische Truppen am Westtor von Mukden und eröffneten das Feuer. Die Japaner nahmen die Stadt ein und besetzten die ganze Mandschurei. Die chinesische Regierung rief den Artikel 10 des Völkerbundpaktes an, der die Bundesmitglicder verpflichtete, die Unversehrtheit ihrer Gebiete zu achten. In Genf gab es Empfehx Jungen und Entschließungen. Die Japaner sind damals auf die Genfer Vermittlungsvorschläge nicht eingegangen und haben sich in einen Krieg verbissen, der nach dreizehn Jahren mit einer furchtbaren Niederlage endete. Es sind übrigens diese dreizehn fahre, die jetzt die Tschungking Regierung als Argument für ihren Anspruch auf die Fabrikanlagen anführt, die die Japaner in der Mandschurei errichte haben und die die Russen jetzt ais Kriegsbeute behandeln.

Wieviel anders w?re die Geschichte verlaufen, wenn der Völkerbund sich damals nicht als ohnmächtig erwiesen und eine einsatzbereite Streitmacht gehabt hätte! Vermutlich hätte dann auch Mussolini nicht den Angriff luf Abessinien gemacht und wahrscheinlich wäre t" auch nicht zum zweiten Weltkrieg gekommen. Gibi es denn überhaupt ein Recht zwischen den Völkern, wenn es keinen Polizisten gibt, der dem Spruch eines Richters Geltung verschaffen kann? Die Bücher über das Völkenecht beginnen in der Regel mit dieser Frage. Die Juristen bejahen sie meist, schon deshalb, um ihrem Stande das nötige Gewicht zu geben. Sie schätzen dabei den moralischen Druck internationaler Gewohnheiten oder internationaler Abmachungen hoch ein. Die Politiker denken in der Regel skeptischer. Auf jeden Fall hat man diese Frage auch auf der Konferenz von San Franzisko gestellt. Einer der wesentlichsten Fortschritte der Charter der Vereinten Nationen gegenüber dem Völkerbundpakt ist es nun, daß eine Weltpolizei vorgesehen ist, die gegen die Verächter des Rechts und die Störer des Friedens eingreifen kann. Eine solche Weifpolizei war schon in Versailles bei der Beratung des Völkerbundpakts vorgeschlagen worden. Insbesondere der Franzose Leon Bourgeois hatte sich zum Verfechter des Gedankens gemacht, daß eine internationale Streitmacht aufgestellt werden müsse, wenn der Völkerbund wirklich allen Nationen Sicherheit gewähren solle. Aber damals sind diese Vorschläge" fast allgemein abgelehnt worden, und auch Churchill gehörte zu Jenen, die zögerten, England zum Exekutor des Völkerbundes machen zu lassen. Um so eindrucksvoller mußte es nun wirken, daß er vor den Studenten von Fulton darauf drang, die Buchstaben der neuen Charter nicht Buchstaben bleiben zu lassen, sondern schleunigst mit der Aufstellung einer Weltpolizei zu beginnen.

Auf der UNO Versammlung in London ist ein Generalstabsausschuß aus hohen Offizieren Englands, der Vereinigten Staaten, Rußlands, Chinas und Frankreichs gebildet worden. Er soll den Aufbau der militärischen Macht leiten, die Größe der bewaffneten Kräfte festsetzen und bestimmen, wo sie zu stationieren sind. Das Verfahren ist wohl so gedacht, daß zunächst die fünf Hauptmächte sich darüber zu einigen haben, wieviel sie bereitstellen wollen, und daß dann auch die anderen Mitglieder der UNO aufgefordert werden sollen, Truppehabteilungen zur Verfügung zu stellen. In erster Linie handelt es sich um Luftgeschwader. Ein Artikel der Charter stellt ausdrücklich die Verpflichtung der Mitglieder fest, "sofort verfügbare nationale Luftwaffen Einheiten für gemeinsame Zwangsmaßnahmen" zu unterhalten.

Man kann das Aufstellen dieser Weltpolizei als eine außerordentlich schwierige und zeitraubende Aufgabe behandeln. Aber man kann sie auch als dringlich betrachten. Das tat Churchill, der nicht allein die Wichtigkeit betonte, schnell voranzukommen, sondern auch Vorschläge machte, diese Streitkräfte aus dem nationalen Rahmen herauszunehmen und in einen internationalen hineinzustellen. Wenn Churchill auch nur als Privatmann sprach, so sind diese Vorschläge doch sehr beachtenswert, schon deshalb, weil es, wenigstens für die Öffentlichkeit, die ersten konkreten Vorschläge sind. In London war davon die Rede gewesen, die der UNO zur Verfügung stehenden Formationen entweder in den Heimatländern zu lassen oder sie in Kolonien zu verlegen, die unter die Treuhänderschaft der UNO gestellt werden könnten, etwa in die italienischen Kolonien. Churchill schlägt einen anderen Weg vor. Er geht auf die Möglichkeit, die UNO Streitkräfte in treuhänderisch verwalteten Kolonien zu stationieren, nicht ein, offenbar, um die Aufstellung der Weltpolizei nicht mit der sehr schwierigen Frage der gemeinsamen Treuhänderschaft zu verbinden. Er ist aber auch nickt dafür, die Formationen ganz in ihren Heimatländern zu belassen. Er will sie dort nur aufgestellt und ausgebildet haben, dann aber in andere Länder veilgen. Er spricht von "Rotation" und hat dabei offensichtlich das Vorbild englischer Regimenter im Auge, die in ih?cm Dienst zwischen Heimat und verschiedenen Kolonien abwechselten. Die der UNO zur Verfügung stehenden Soldaten sollen die Uniform ihres Heimatlandes tragen, aber mit Abzeichen, die ihre Besonderheit hervorheben. Sie sollen auch die Gewißheit haben, niemals gegen ihr eigenes Land eingesetzt zu werden. Vielleicht wird bald die Zeit kommen, wo es National Soldaten und UNO Soldaten nebeneinander gibt. Vielleicht wird gar eine Zeit kommen, wo es mehr UNO Soldaten als nationale Soldaten gibt. Aber vorläufig ist es noch lange nicht soweit sden, auf dem Gegensatz der Provinzen zur Hauptstadt Buenos Aires und der Führung von Männern, die überaltert waren. Wenn wir den Umfang des Umbruchs vom 4. Juni erfassen wollen, so müssen wir bedenken, daß eine andere Generation, ja ein anderes Volk an die Macht gekommen ist. Im Jahre 1928, also vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, galt der Satz, daß rund 40 v. H. der Einwohner Argentiniens entweder in Italien geboren waren oder von Eltern abstammten, die beide in Italien geboren waren. Zu den italienischen Einwanderern kamen die zahlreichen Spanier, Deutschen, Polen, Juden und andere mehr. Sie besaßen damals teilweise noch keine Bürgerrechte oder konnten sie nur in beschränktem Umfange ausüben, da sie noch Fremde waren. Heute sind sie längst Argentinier geworden; ihre Kinder sind auf argentinischen Schulen erzogen und stehen im öffentlichen Leben. Sie bestimmen heute das Gesicht der argentinischen Politik.

Die Aufgabe der argentinischen Schulen war, aus diesen Einwandererkindern ein neues, einiges Volk zusammenzufügen. Das konnte nur geschehen durch die äußerste Betonung des nationalen Gedankens, durch eine fast inbrünstige Verehrung der neuen Heimat, die den Europamüden nicht nur das tägliche Brot, sondern die Möglichkeit der freien Entfaltung, ein neues Vaterland bot. Wer an großen nationalen Feiertagen die Tausenden von Schulkindern in sauberer Tracht mit den kleinen blauweiß blauen argentinischen Fahnen gesehen und sie voll Hingebung die argentinische Nationalhymne hat singen hören, der weiß, daß aus diesen Hetzen die Liebe zur Heimat nicht leicht wird herausgerissen werden chönnen.

So ist Argentinien nationalistisch, gerade weil es einen so starken Anteil ausländischen Blutes in den letzten Jahrzehnten aufgenommen hat. Dieser