Von GEORG KRISZAT

Umwelt und Umgebung sind im Begriff nicht das gleiche. Die meisten Menschen neigen dazu, die Umgebung für die eigentliche "Umwelt" zu halten. Diese Auffassung hat sehr oft zu einer Überbewertung des Einflusses der Umgebung geführt. Man bezeichnet diese Anschauungen meist als Milieutheorien.

Eine dieser Milieutheorien ist der von Watson vertretene Behaviorismus, der davon ausgeht, daß der Mensch weitgehend das Produkt seiner Umgebung ist. Für den Behavioristen ist der Mensch ein Reflexwesen, das im wesentlichen durch umstandbedingte Reize gesteuert wird.

Durch Erforschung dieser Reize glaubt sich der Behaviorist in die Lage versetzt, den Organismus selbst zu beherrschen und zu lenken. Damit offenbart sich die pädagogische und soziologische Seite dieser Anschauung, die gleichzeitig in das Weltanschauliche mündet, ähnlich wie die auf dem Boden des krassen Materialismus stehende Auffassung Pawlows, der versuchte, die höchste Nerventätigkeit des Menschen und der Tiere auf Reflexe zurückzuführen.

Damit berühren wir die Grundfragen des Lebens, die auch heute noch als Mechanismus- oder Vitalismusproblem die Wissenschaft bewegen. Sind die Lebewesen Maschinen und Produkte ihrer Umgebung, in der sie von physikalischen und chemischen Reizen gelenkt werden, oder läßt sich ihr Verhalten aus Gesetzen ableiten, die in ihrer subjektiven Beschaffenheit und in der Eigengesetzlichkeit ihrer Welt ihre Ursache haben? Aus der Frage nach der Umwelt hat sich eine ganz neue Wissenschaft entwickelt. Der vor zwei Jahren auf Kapri gestorbene bekannte Biologe Jakob von Uexküll schuf unter der Bezeichnung "Umweltforschnug" eine neue Forschungsrichtung, die unser heutiges biologisches Weltbild umgestaltet hat, so wie es etwa in der Physik durch die "Relativitätstheorie" geschehen ist. Von Uexküll zeigte die Verschiedenheit und Wandelbarkeit der einzelnen Tierumwelten und zerstörte damit den Glauben an eine allen Lebewesen gemeinsame Weltbühne. Dabei ist sein Grundgedanke überzeugend einfach. Trotzdem bedurfte es jahrzehntelanger Arbeiten und’-Versuche von Uexkülls und seiner Schüler, um seiner Forschungsrichtung ihr heutiges breites, wissenschaftliches Fundament zu geben. Wie verschiedenartig sich die Tierumwelten neben unserer menschlichen Umwelt darstellen, läßt sich am besten durch einige Beispiele erläutern. Ein Mensch, der auf einer Wiese steht, sieht die Umgebung offen vor sich ausgebreitet. Er teilt sie scheinbar mit den Tieren, die sich um ihn und unter ihm befinden. Trotzdem ist ihm ihre Umwelt völlig unsichtbar. Das Infusor im Wassertropfen, der Maulwurf im Boden, die Schnecke auf dem Blatt und die Zecke, die an einem Strauch sitzt, sind in der gleichen Umgebung von ihren subjektiven und eigengesetzlichen Welten umgeben.

Das Infusor lebt in einer Welt, in der es nur hell oder dunkel und einige chemische Reize gibt. Nach der Art dieser Reize unterscheidet es seine Nahrung von den sonst unwesentlichen Stoffen. Was sieht die Schnecke von ihrer Umgebung? Wir wissen, daß sie nach dem Bau ihres Auges ihre Umgebung in helle und dunkle Flächen aufgelöst wahrnimmt, in die alle Einzelheiten der Landschaft verschmolzen sind. Was sich hinter dieser Kulisse befindet, geht nicht in ihre Welt ein.

Der Maulwurf lebt ewig im Dunkeln und kennt nur seinen Röhrenbau, der sich wie ein großes Netz um ihn ausbreitet. In diesem Netz sitzt er wie eine Spinne und geht, es zeitweilig erweiternd, dem Fang der Nahrung nach. In dieser dunklen Welt unterscheidet er Beute, Feind und Geschlechtspartner nach Tast-, Gehör- und Geruchsreizen, die sich ihm zu Merkmalen formen.