Es regnet, es schneit, es regnet. An den Ecken strudelt der Wind und fällt mit kurzen Stößen in die Straßen ein. Die Menschen, die aus dem U-Bahn-Schacht der Klosterstraße in die grauglimmernde Tageshelle emporsteigen, kneifen die Augen zusammen und fassen nach ihren Hüten. Von unten kommt das Rauschen des abfahrenden Zuges herauf. Dann wird es wieder still. Nur der Wind, nur das Trommeln einer lecken Dachtraufe.

Es ist zwölf Uhr, aber das Glockenspiel der Parochialkirche singt die Stunden nicht mehr aus. Turmhelm und Glockenstuhl sind von Granaten rasiert. Von dem schöngeschweiften Predigtschiff steht nur das Oval der Mauern mit den hohen bogigen Fensteröffnungen. A. D. 1705 ist auf dem Steinbalken über dem Portal zu lesen. Die Türen fehlen. Schräges Gestöber fällt auf die Stufen, treibt durch den leeren Rahmen hinein. Überall, zur Rechten, zur Linken, wohnt in den alten Bürgerhäusern, den Kirchen, den aufgerissen Vestibülen der Adelspalais nichts als der Wind.

Am Schnittpunkt der Parochial- und der Klosterstraße parken zwei Reihen von Wagen. Gelbgestrichene Motorhaube, gelbe Kotflügel. Es ist das Lizenzzeichen für die russische Zone Berlins. Ein kleines Dutzend Militärfahrzeuge, grünlichgraue Limousinen mit dem weißen Stern an der Seite, ein paar Jeeps und kleine russische Offizierswagen stehen drüben jenseits der Kreuzung. Da und dort eine Uniform, ein Posten der Stadtpolizei. Am Eingang des Eckhauses ein weißes Schild: Magistrat Berlin. – Das neue Regierungsviertel.

Es ist alter Boden, spreegeborener. Nur wenige Schritte weiter zieht der Fluß, zieht unter geflickten Brücken hindurch, an brandgeschwärzten Uferzeilen entlang. Hier saßen sie schon, als sie nicht mehr denn eine Gemeinde von Fischern waren. Von hier wuchs der Kern, in Ringen, dann in Sprüngen. Und eben hier, inmitten der Ruinen dessen, was gestern die Altstadt hieß, wächst langsam, schrittweise das Verwaltungszentrum der Stadt von heute zusammen. Ein Zufall, sicherlich; aber einer von jenen, denen eine eigentümliche Bedeutsamkeit innezuwohnen scheint. Das Stadthaus in der Parochialstraße ist erhaltengeblieben, von den Bürobauten in der Nachbarschaft hat sich manches zurechtzimmern lassen, anderes steht in Reparatur. Allmählich kommt Amt für Amt unter Dach. Ein Arbeitstag, ein Sorgentag ohnegleichen liegt vor ihnen – liegt vor dem Magistrat, den Regierungsmännern der "Stadtrepublik Berlin".

Das Wort trug einen polemischen Akzent, als es zum ersten Male in den Debatten auftauchte, es war mit einem Fragezeichen versehen, aber es traf die Wirklichkeit. Nur eben, daß partikularer Ehrgeiz, den es unausgesprochen unterstellt, wohl das letzte der Motive war, die diesen Zustand heraufgeführt haben. Berlin hat sich seine neue Rolle nicht ausgesucht. Sie kam ihm über den Hals. Als der Rauch der letzten Kämpfe sich verzogen hatte, "damals", um die Wende des April zum Mai, stand es vor einer Situation, die ohne Vergleich in Deutschland war – und ist.

Keine von den großen Städten zwischen Bodensee und Haff ist ohne Wunden geblieben, und nichts wäre häßlicher, als wenn sie mit der Schwere dieser Wunden rivalisierend gegeneinander auftrumpfen wollten. Dennoch: nur scheinbar, nur für das Auge, dem Ruinen gleich Ruinen sind, liegen die Dinge in Berlin ebenso wie anderwärts auch. Es ist eine optische Täuschung im buchstäblichen Sinn. Das Problem Berlin ist so vielstufig, ist in seinen Voraussetzungen derart verschränkt, daß man es nur mit sehr genauem Denken (und einigem Wissen um die Historie) auseinanderlegen kann – um wiederum vor einem Wenn und Aber anzuhalten.

Berlin war weder der Kurfürstendamm noch die schöne Fiemdenpromenade der Linden. Es war der Wedding und Moabit, war Tegel und Siemensstadt, war der Hausvogteiplatz und die ewig hämmernde und blakende Welt der tausend kleinen Hoffabriken im Südwesten. Es war die Ritterstraße mit ihren Musterlagern, es war Mariendorf, der riesige Komplex von backsteinroten Kuben, Werkhalle an Werkhalle. Hätte es eines Emblems bedurft, so waren Schwungrad und Stechuhr das Wahrzeichen Berlins, der größten Fabrikstadt in Europa.