Von HANNS BRAUN

In Notzeiten sind von jeher die Stimmen derer besonders dringlich geworden, die der Vorsehung vorwerfen, sie habe uns armen Menschenkindern doch wahrlich zuviel an Mühsal und Leid aufgebürdet. So wie die Welt ist: voller Greuel und unausmeßbarer Entsetzlichkeiten, will sie dem Menschen, der sich zunächst nur seinen sinnlichen Wahrnehmungen und den ihm daraus zukommenden natürlichen Einsichten anvertrauen kann, als ein Etwas erscheinen, das schon als Schöpfung gleichsam seinen "Anstands"begriffen widerstreitet. Mit Fug läßt sich behaupten, daß kein Mensch die Welt so, wie sie in seinem Blickfeld erscheint, geschaffen haben würde. Ihre Konzeption geht über Menschenmaße und menschliche Vorstellungen weit hinaus: schon darum hat man einem Mehr-als-Menschlichen die Urheberschaft wohl oder übel zusprechen müssen.

Wenn wir uns nach den Gründen umsehen, die uns die Welt als ein Un-Menschliches erscheinen lassen, dann stoßen wir auf eine bestimmte Gruppe von Tatsachen. Wir sehen zuallererst, daß die Ordnung des Lebens, darin wir an der Welt zusammen mit anderen Lebewesen teilhaben, gestört ist. Ob der Tod. der große Lebensumwandler, ein Tor zu neuen Lebensformen ist oder aber der radikale Lebensvernichter, das kann auch der Mensch nicht einfach "wissen". Auffallend aber und ein Zeichen, daß für ihn da wirklich etwas gestört ist, bleibt die Tatsache, daß, selbst wenn er den Tod für ein Tor zu neuen Lebensformen hält, dieser Glaube ihn nicht des Schmerzes überhebt, den der Tod als Verrichtet in ihm erregt Die Störung der Lebensordnung geht mitten durch seine Seele hindurch: im körperlichen, mehr noch im seelischen Schmerz, im Leid, das, nach menschlichen Kräften gerechnet, unerträglich werden kann, tritt dieser Tatbestand in Erscheinung.

Uralte Weisheit hat diese Störung zusammengebracht mit einer andern Tatsache dieser Welt: mit der geheimnisvollen Tatsache des Bösen. Es ist nun für uns Menschen, die wir uns eine leidlose, kurzum selige Welt vorstellen können und so angelegt sind, daß wir sie uns wünschen, es ist. sage ich. für uns nicht leicht, anzunehmen, daß das Opfer, das dieser Welt konstitutionell eingeschrieben ist, und gewisse andere naturhafte Möglichkeiten des Leides ausgeschaltet oder wenigstens ohne Bitterkeit und Schrecken wären, wenn das Böse uns Menschen nichts anginge. Eines jedoch ist ganz gewiß, daß das Böse eine Hauptquelle unserer Leiden ist und nachweisbare Ursache der unser Leben am tiefsten verstörenden Unordnung. Es bliebe also denkbar, daß ohne das Böse unsere Welt noch immer nicht selig-vollkommen wäre, aber doch so, daß der Mensch mit seinen ursprünglichen Kräften imstande gewesen wäre, sie der Vollkommenheit zuzuführen. Etwas anderes scheint die Sage vom Paradies, als einem herausgenommenen Bezirk (Garten Eden), in dem der Mensch eine seine Gesamtkräfte beanspruchende herrscherliche Aufgabe zugewiesen bekam, auch zunächst nicht sagen zu wollen. Erst aus der (im trieben der "Störung" sich ständig erneuernden Paradiesesvertriebenheit heraus konnte das Paradiesische halbwegs durch schlaraffische Vorstellungen kompromittiert werden, die doch nur seine Fratze sind, in der Erniedrigung geboren und das Niedrige verherrlichend.

Ob die Erschaffung des Menschen (gleichgültig, wie wir sie uns denken; denn selbst Jahrmillionen, als Verwirklichungsphasen eines göttlichen Gedankens. werden noch keine imponierende Sache, keine Auftrumpfmöglichkeit wider das Ewige!), ob also seine Erschaffung und das Betreuen mit der Aufgäbe, die Erde vom Paradies aus paradiesisch zu machen, bereits mit der Existenz des Bösen in der Welt zusammenhangt, oder ob der Abfall von Gott, darin das Böse sich manifestiert, umgekehrt die Antwort irgendwelcher an Gott "irre" gewordener Geister auf die Erschaffung des Geist-Leibwesens Mensch gewesen ist, das wissen wir nicht und müssen uns hüten, ein Poetisch-Vorstellbares mit einer Offenbarung göttlicher Geheimnisse gleichzusetzen.

Sicher ist nur zweierlei. Das Unfaßbare: daß der Abfall von Gott (das Böse) in der von Gott konzipierten Weltschöpfung als Möglichkeit irgendwie mit angelegt sein muß. Und zweitens die Tatsache, daß der Mensch mit diesem Bösen in Berührung gebracht worden ist. Und hier, genau in diesem Punkt, setzen die Vorwürfe gegen die Vorsehung an. von denen wir ausgingen – Vorwürfe, die sich in besonders leidvollen Stunden bis zur Leugnung der Existenz eines gütigen Schöpfergottes (der solches zu läßt 1) steigern möchten und gesteigert haben. Was einzelne, was oft eine Vielzahl von Menschen ihr Leben lang hienieden auszustehen haben, geht manch einem zu. weit, und zwar nicht bloß denen, die da erleiden, sondern oft gerade denen zu weit, die "nur" mitansehen müssen.

Diese vom Einbruch des Bösen herrührende Notlage des Menschengeschlechts und aller ihm anvertrauten Kreatur bekommt erst dann ein anderes Gesicht, verliert erst dann den Anschein grausiger Willkür, wenn verbindlich gemacht werden kann, daß Annehmen und Einbeziehen des Bösen dem Menschen selbst zur freien Wahl stand und – vor dem allem – daß eben diese Wahlfreiheit als Existentialbedingung zum Menschen selbst gehört.