Von TAMI OELFKEN

Noch gestern lag an der Nordseite des Hauses unter der hohen Tanne Schnee. Es war nicht mehr weißer Winterschnee, es waren nur kleine weißgraue Hümpel im vorjährigen Gras. Heute mittag hat die Sonne auch diese letzten Spuren des Winters weggeschmolzen, Märzbecher und Schneeglöckchen sind über Nacht da und wehen leise im südlichen Wind. Am Fuß des hohen Haselstrauches neben der Pforte ist der Boden blaufleckig von den vielen Zillas, die noch keine Beine haben, genau so stecken auch noch die Maßliebchen mit den Beinen in der Erde und sitzen da, lächelnd, aber frohgemut. Die rötlichen Kätzchen des Haselstrauches sind ganz bepudert. Oben im Strauch hängt noch das vorjährige Nest, sicher lebten darin Grasmücken, es ist leer, zerzaust und schaukelt seine Frühlingsfanfare in die warme Luft.

Auf der Rabatte lockt der süße, würzige Duft des Seidelbast – die in kleinen Klumpen sitzenden lila Blüten leuchten. Es leuchten auch die letzten kadmiumgelben Sterne des winterlichen Jasmins, der an der Hausmauer im Schnee so lebhaft blühte. Seine Zeit ist vorbei, und er sendet schon lange, dünne, grüne Ranken nach allen Seiten aus, um sich zu verbreitern. Die dicken roten Knospen der wilden Johannisbeeren wollen platzen.

Die Erde duftet vom Frühling. Der Mist, den Obsers heute auf die Obstwiesen verteilt haben, duftet auch, und Nussi, der kleine Dackel-Scotch, wälzt sich voll Wollust in diesen fruchtbaren Haufen. Die Luft ist ganz still geworden. Es ist eine halbe Stunde vor Dämmerung, jene Stunde, von der ein Dichter sagt, es ist die Zeit, wenn die Bäume beten.

Das erste Viertel des Mondes ist in zarten Dunst gehüllt. Er hat die Stirn geneigt und betrachtet die frühlinghafte Welt. Da erklingt das erste Lied der Amsel. Sie sitzt erhöht auf dem Pfahl der Telegraphenleitung, der mitten in unserer Wiese steht, und hebt sich schwarz vom silbrigen Himmel ab. Ihr flötender, getragener Gesang ist von Schwermut voll, eine Wolke von Trauer, die in den Abend taut.

Dann bricht sie ab. In die Stille hinein atmen die knospenden Apfelbäume. Schon beginnt sie von neuem. Sie ruft inniger und leiser, als hielte sie ein zärtliches kleines Zwiegespräch. Die Sonne geht hinter dem Bodenrücken zur Neige. – Die Dämmerung ist da, und die Amsel fliegt fort. Am andern Morgen, etwa eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, ist sie wieder da. Sie hüplt am Fuße des schrägstämmigen Apfelbaumes, guckt nach allen Seiten und sticht mit dem Schnabel im lockeren Erdreich herum, um sich etwas Ledceres zu suchen. Prächtig blauschwarz glänzt ihr Gefieder. Der Schnabel ist leuchtend gelb. Es ist ein Männchen. Das Weibchen ist unscheinbarer, bräunlich mit grauem Schnabel.

Und da ist auch der Nebenbuhler, er hüpft genau so, sein Schwanz ist hochgestellt, und ich höre ihn bis hier oben herauf einen brummig-knarrenden Ton von sich geben. Er mißt seinen Gegner, verfolgt ihn, aber der gibt ein warnendes Tuck tucktuck von sich, rückt ihm näher und verbeißt ihn.