Was die Alchemie in alten Zeiten vergeblich erstrebte, und was auch die neuere Forschung ständig in Atem hielt, ist Forschern des Rockefeller-Institutes in Princeton (USA) gelungen: eine Verbindung zwischen dem Belebten und dem Unbelebten. W. M. Stanley und seine Mitarbeiter brachten Blätter mosaikkranker Pflanzen zentnerweise zum Gefrieren, zermahlen sie, setzten sie chemischen Auszugsverfahren aus und gewannen auf diese Weise zum ersten Male kristallisiertes Leben! Ja, es ist das umwälzend Neuartige ihrer Entdeckung, daß sie grundsätzlich das brennende Rätsel über den Ursprung und die Entstehung des Lebens berührt.

Das, was Stanley fand, ist ein kristallisierter Virus, also eines der nach milliontel Millimeter messenden Elementarkörperchen, die in nichtkristallisiertem Zustand schon geraume Zeit als Lebensformen gedeutet, und die im besonderen wieder als Krankheitserreger erkannt worden waren. Seit der russische Geehrte Iwanow vor einem halben Jahrhundert nachweisen konnte, daß die vielgefürchtete Mosaikkrankheit der Kartoffel und anderer Nutzpflanzen durch ein mit Virus bezeichnetes Ansteckungsgift ausgelöst wird, hat die Virusforschung zahlreiche Virusarten entdeckt.

Inzwischen hat das Übermikroskop, bekanntlich eine Konstruktion vornehmlich deutscher Erfinder, es möglich gemacht, Vira unmittelbar zu sehen, obwohl sie viel kleiner als Bakterien sind. Das kam und kommt der amerikanischen Forschung zugute, die unabänderlich bemüht ist, ihre epochemachende Entdeckung weiter auszubauen.

Der Schwerpunkt der Entdeckung liegt zunächst in der kristallinischen Beschaffenheit eines als belebt erkannten Viruskörperchens. Die kristallische Erscheinungsform, mochte es sich um geometrisch wohlausgebildete Mineralkörper oder um Aggregate als Anhäufung kleinster Kristallkörper handeln, schien bisher ein Merkmal, der unbelebten Stoffe zu sein. Dennoch hat sich die Forschung immer wieder bemüht, vom Kristall her dem offenbar größten Lebensrätsel auf die Spur zukommen.

Als vor mehr denn hundert Jahren der damals berühmte deutsche Naturforscher Carl Gustav Carus die Eisblumen seines Fensters studierte, fügte er einem Bericht darüber die bezeichnende Frage bei: "Sollten diese dreiseitigen Nadeln und Blättchen nicht Tendenzen zeigen, die als Vorahnungen eigentümlicher Lebenserscheinungen gedacht werden können?" Als dann im ersten Drittel unseres Jahrhunderts der Physiker Otto Lehmann kristallinische Körper, die er zwischen gekreuzten Kalkspatprismen vergrößert vor Augen hatte, eigenartige Fließbewegungen ausführen sah, glaubte auch er eine Brücke zu den belebten Körpern entdeckt zu haben. Die von ihm als "flüssige Kristalle" bezeichneten Gebilde wuchsen und teilten sich, stellten ihre willkürlich gestörte Struktur selbständig wieder her, nahmen andere labile Kriställchen in sich auf, ja, sie äußerten beim Zusatz fremder Stoffe sogar eine Art von Vergiftungserscheinungen. Trotz allem gelang es aber damals noch nicht, den Grenzstein zwischen tot und lebendig lockern.

Daß Kristalle Eigenschaften besitzen, die denen der Lebewesen gleichen, liegt an ihrem inzwischen genauer erforschten Feinbau. Im Kristall sind die winzigsten Masseteilchen, gleichviel ob Atom, Jon Oder Molekül, bauplanmäßig geordnet. So kann der Kristallograph mit Hilfe der Röntgenstrahlen die Lage der kleinsten Bausteine genau bestimmen.

Das "Wachstum" eines Kristalles erfolgt so, daß beispielsweise in einer übersättigten Lösung kleinste Masseteilchen in eine bestimmte symmetrische Lage zueinander geraten, in der sie durch gegenseitige Anziehungskräfte festgehalten werden. Es erstellt zunächst ein "Kristallkeim", dem bei andauernder Übersättigung der Flüssigkeit durch Diffusionsströmung weiterhin "Nahrung" zugeführt wird. Dadurch aber, daß sich Schicht um Schicht neue Stoffteilchen anlagern, geht das "Wachsen" bis zum größeren Kristall weiter. Anders jedoch als beim Lebewesen, das gleichsam von innen heraus wächst, entscheiden beim Kristall die vorhandenen Umweltbedingungen schicksalhaft über seine Entwicklungsform. Immerhin galt es bisher für ausgemacht, daß das Leben durch Stoffwechsel und Fortpflanzung gekennzeichnet sei. Und nun soll mit einem Schlage der Unterschied zwischen belebten und unbelebten Gebilden im Prinzip beseitigt erscheinen!