Furchtbar war schon die Stimme, die den Film begleitete: diese Stimme, der man nicht hätte ausweichen können, selbst wenn man es gewollt hätte. Die Stimme war ohne jeden anderen Ausdruck als den des sachlichen Berichtes "Belsen...", "Buchenwald..." und wieder "Belsen..." und "Buchenwald..." Kein Wort zuviel. Indessen liefen über die Leinwand die Bilder eines der größten Verbrechen dieser an Verbrechen so reichen Zeit.

Berge, Felder von Leichen, buchstäblich Hügel und Berge toter, ausgezehrter Körper und buchstäblich Felder von nackten Leichen, die fahl schimmerten wie vergehender Schnee. Entseelte Leiber, hingestreckt, erstarrt; in weit aufgerissenen Augen der letzte Blick der Qual, in aufgerissenen Mündern der letzte Schmerzensschrei, an den Schläfen blutverkrustete Löcher. So fanden die Fronttruppen der Sieger die Marterorte wie Belsen und Buchenwald. Und als die Soldaten nähertraten und wohl auch zurückschreckten vor manchem Anblick allzugroßen Grauens, so stieg die Kamera zugleich mit ihnen in dieses Inferno hinab, die berichtende Kamera, die nichts beschönigt, nichts verzeiht und alles im Gedächtnis behält. Aber auch die Kamera erschrak zuweilen, stockte, wandte sich ab, als wollte sie nicht glauben, was sie doch als blutige Wahrheit aufnahm und nun offenbaren muß. Verkrampfte, blutige Leichen, hängend im elektrisch geladenen Konzentrationslager-Drahtverhau...

Propaganda? Der kleine Kreis der Zuschauer, die in einem Hamburger Office-Haus diesen Film sahen, bestand aus Männern, die nach den Erfahrungen des Deutschlands von gestern sehr empfindlich gegen Propagandatricks geworden sind. Nach diesen Erfahrungen ist man gewitzt genug, es in den Nerven zu spüren, wo etwas "gestellt", verfälscht, wo etwas "halbe Wahrheit" ist. Es ist die ganze Wahrheit, die dieser Film enthüllt, dem man nichts vorwerfen kann, es sei denn seine schonungslose, ja brutale Objektivität. Die ganze Wahrheit aber heißt: Deutschland wurde von Verbrechern regiert, und es gab Verbrecher genug, die bereit waren, den Mord- und Marterbefehlen zu gehorchen.

Die schlimmsten Bilder dieses Films waren wohl jene, die halbtote Menschen zeigten: Verhungernde, ganz nahe am Abgrund, lebende Skelette, die nur noch entfernte Ähnlichkeit mit menschlichen Wesen hatten. Es wurde auch gezeigt, wie die Bürger von Weimar aufbrachen, weil sie das nahe Konzentrationslager sehen sollten. Obwohl sie so dicht am Rand der Hölle wohnten, schienen sie nichts gewußt, zum mindesten sich keine Gedanken gemacht zu haben. Sie brachen auf, als gelte es einem Spaziergang. Dann aber, als sie die Wahrheit mit eigenen Augen sahen, standen Verzweiflung, Grauen, Empörung in ihren Gesichtern. Sie hatten den Teufel in diesem Augenblick erkannt, da sie ihn losgeworden.

Nicht die Bürger von Weimar allein, das ganze deutsche Volk wohl ist diesen Weg der Erkenntnis gegangen. M.