In Ostia bei Rom kann man straßenweit die Ruinen spätantiker Mietskasernen bewundern, während man in Pompeji und Herculanum studiert, wie die wohlhabenden Leute der gleichen Zeit gewohnt haben. Hier wie dort berühmte Trümmer, Baedecker-Sterne erster Ordnung. Sie unterscheiden sich von den unsrigen dadurch, daß es sozusagen zahme Trümmer sind, hinter Gittern sauber und adrett gehalten, und als Sehenswürdigkeiten und damit Geldbringer gehätschelt und gepflegt von der Anwohnerschaft. Man beachte – Anwohnerschaft! Niemand käme auf die Idee, in diesen Ruinen Einwohner zu spielen. Ob unseren Trümmern in der Zukunft einmal ein solcher Vergangenheitswert zu eigen sein wird, steht sehr dahin; dazu wäre erst einmal nötig, daß sie ihre Wildheit und tödliche Atmosphäre verlören. Geschichte – wenn das Entsetzen der Gegenwart sich wandelt in die lüsterne Neugier fürs Vergangene.

Gott sei Dank besteht bei uns wenig Neigung für solche Hirngespinste, wozu Ruinen später einmal gut sein könnten. Trümmer bedeuten Dreck, Krankheit, Hunger, Verkommenheit. Trümmer versperren den Blick ins Leben. Unsere Trümmer überdies sind Zeugnisse für den Selbstmordversuch eines ganzen Volkes. Darum: weg, weg, weg mit ihnen! Kann der Arzt es dulden, kann der Selbstmordkandidat es ertragen, wenn der abgerissene Strick am Fensterkreuz für alle Zeiten baumeln bleibt? Vermag die Seele zu gesunden, solange ihr das, was sie in Krankheit und Wahn angerichtet hat, vor Augen steht?

Keine Zukunft würde an diesen Ruinen etwas anderes finden als jener Engländer, der sich aus Landschaft, Trümmern und erhaltenem Rest ein Bild von Hamburg machte, wie es einmal gewesen ist, und mit ratlosem Ausdruck fragte: "Wozu, um alles in der Welt, machten sie Krieg? Sie hatte? doch alles, was sie brauchten!"

Es mag kurios anmuten, ist aber eine Tatsache, daß es einmal so etwas wie eine infantile Ruinenseligkeit gab. Kann man sich heute noch einen vernünftigen Menschen denken, der zweitausend Kilometer reist, um sich unter dem Gemäuer des Kolosseums photographieren zu lassen? Kann man sich in einen Menschen hineinfühlen, der eine Ruine, hübsch verfallen und gruselig, in Auftrag gab, um sich in den Geist gewisser Zeiten zu versetzen? Und doch tat dies Friedrich Wilhelm III. von Preußen, und mit und nach ihm mancher Fürst und mancher Privatmann. Schwermütige Stimmung im Preise einbegriffen, umgehende Geister, Spukgeräusche und Vorzeichen zu Lasten des Bestellers. Letzte Ausläufer dieser "Romantik" kamen noch im industrialisierten Jahrmarktsrummel auf ihre Rechnung; "Spukhaus" und "Zauberschloß" mit ihren Ruinen aus Pappmaché und angemalten Latten schenkten für 20 Pfennig Eintritt nicht viel anderes, als was die Ruinenbesteller von einst mit Tausenden von Talern bezahlten. Kann man sich vorstellen, daß heute auch nur ein Kind Lust auf Ruinenspuk hätte?

Im Winter 1943 wurde die Jüdin Edith N., wie so manche andere, zur Zwangsarbeit eingefangen. Auf dem Lehrter Bahnhof in Berlin mußte sie bei eisiger Kälte Lokomotiven reinigen und putzen, eine Arbeit, für eine Frau ungeeignet, für eine Geistesarbeiterin unerträglich. Wenn man daran denkt", sagte sie mit dem melancholischen Witz ihrer Leute, "daß man als Kind so sehr gewünscht hat, einmal auf die Lokomotive klettern zu dürfen ..." Lz.